Medien : Allein gegen den Terror

„Der Tag wird kommen“ heißt das dreiteilige Jubiläums-Special für die ZDF-Kommissarin „Rosa Roth“

Thomas Gehringer

„Hier spricht Rosa Roth. Das sind die längsten Tage meines Lebens.“ Nein, Rosa Roth redet natürlich nicht wie Jack Bauer, und so rasant wie bei „24“ geht es im dreiteiligen Jubiläums-Special „Der Tag wird kommen“ auch nicht zu. Aber die Berliner Kommissarin gerät, ähnlich wie der Anti-Terror-Agent Bauer, in arge Bedrängnis und wird zur Einzelkämpferin. „Ihr werden die Beine weggezogen“, sagt Darstellerin Iris Berben. Die Welt retten muss Rosa Roth dennoch, zumindest den Einsatz einer verhängnisvollen Waffe verhindern. Die sieht nicht sehr gefährlich aus, feuert aber mit Kunststoff-Munition, die ebenso wie die Waffe selbst von Metalldetektoren am Flughafen nicht aufzuspüren ist. Islamistische Terroristen sind daran sehr interessiert. Dumm nur, dass den Waffenhändlern ein Koffer mit der Spezialmunition gestohlen wurde, und nun der Bundesnachrichtendienst Wind von der Sache bekommen hat.

Erzählt wird die verwickelte Geschichte in Anlehnung an die Echtzeit-Serie „24“, aber Tempo und Dramaturgie sind doch nicht ganz vergleichbar. Eigentlich waren sechs 45-minütige Folgen geplant, die jeweils die Geschehnisse an einem Tag erzählen. Ein wenig Echtzeit-Stimmung kommt also auf, zumal die drei 90-Minüter innerhalb von nur fünf Tagen ausgestrahlt werden. Bei der ARD müssten die Programmchefs aus den einzelnen Sendern wohl wochenlang tagen. Das ZDF zeigt sich jedoch flexibel, schließlich hält die 56-jährige Iris Berben auch für Schmacht- und Kostümfetzen wie „Afrika, mon amour“ oder „Die Patriarchin“ das Gesicht hin, mit dem die Mainzer sehr ordentlich Quote machen. Und die seit 1994 existierende Krimireihe kann sich über Zuschauermangel auch nicht beklagen.

Rosa Roth war nicht nur im ZDF die erste Kommissarin mit eigener Krimireihe. Die Fahnderin hat Stehvermögen, sehr sympathisch ist sie nicht: Rosa Roth ist eine ruppige Chefin, die ihre Mitarbeiter machomäßig duzt, während sie sich selbst siezen lässt. Dass sie allen am liebsten „diesen Scheißurlaub verbieten“ möchte, glaubt man ihr aufs Wort. Selbst scheint sie etwas anderes als Arbeit ohnehin nicht zu kennen. Von Privatleben keine Spur – eine Dame ohne Unterleib, die sich auch nicht sehr weiblich kleidet. Warum auch, sie ist ja immer im Dienst. Ohne die Popularität von Iris Berben, die beinahe in jeder Verkleidung vor der Kamera eine gute Figur macht, wären aus der Idee der Nach-Wendezeit wohl kaum 22 Filme in 13 Jahren geworden. Zumal es Filme mit düsteren Stoffen und eher pessimistischer Atmosphäre geblieben sind.

„Im Vordergrund stand immer, die Befindlichkeiten in Deutschland zu spiegeln“, sagt Iris Berben. Fünf Jahre nach dem Fall der Mauer sollten sich in den Rosa-Roth-Krimis die gesellschaftlichen Brüche abzeichnen. Waffen- und Drogenhandel, aidsverseuchte Blutkonserven, Immobilienspekulation, Rechtsextremismus, Menschenhandel – im Laufe der Jahre wurden zahlreiche Konflikte durchdekliniert. Harter Stoff war das oft genug, das Publikum konnte und kann darauf hoffen, dass Rosa Roth ein paar Schurken aus dem Verkehr zieht, mehr ist nicht drin, Erlösung verspricht diese Krimireihe nicht. Auch nicht in „Der Tag wird kommen“: Die Bedrohung des Terrorismus wächst, weil sich ideologische und wirtschaftliche Interessen verbinden. „Es geht um die große Verunsicherung. Man kann die Fälle aufklären, aber eine wirkliche Sicherheit gibt es nicht mehr“, sagt Iris Berben.

Entsprechend ernst tritt die Kommissarin auf, die ein einsames, oft schroffes Wesen geblieben ist, seitdem gleich in der ersten Folge ihr Liebhaber vor ihren Augen starb. Häufig wirkt sie müde und gestresst, aufgerieben im Kampf um etwas Gerechtigkeit. In ihrem moralischen Gestus wird auch einiges von der Persönlichkeit der Berben sichtbar. „Wir beide kennen uns schon lange. Sie ist mir ans Herz gewachsen“, sagt sie über Rosa Roth. Den Vornamen hat die Kommissarin von ihrem Großvater, der Rosa Luxemburg verehrte.

Ganz so einsam wird sie aber nicht bleiben. Zwischen Rosa Roth und einem Kollegen, Peter Nikolai (Ulrich Tukur), kommt es zu einer behutsamen Annäherung. Eine Vertrauensperson mehr hat sie auch bitter nötig, denn von ihrem Team kann sie nicht viel Unterstützung erwarten. Karin (Carmen Maja Antoni), Rosas Vertraute, wird auf brutale Weise entführt. Ihr überarbeiteter und gereizter Kollege Charly Kubik (Jockel Tschiersch) ermittelt in einem Fall von zwei Frauenmorden. Ihr zweiter Mitarbeiter, Jürgen Röder (Zacharias Preen), ist aus persönlichen Gründen vorzeitig aus dem Urlaub zurückgekehrt und wirkt angeschlagen. Währenddessen wickelt Waffenhändler Willem van Kleve (Mario Adorf) den Verkauf der neuartigen Kunststoff-Waffe in Paris ab. Mehrere parallele Handlungen werden hier erzählt, die anfangs wie lose Enden wirken. Für das Publikum ist das nicht ganz einfach, der Bogen wird eben nicht nur über 90, sondern über 270 Minuten gespannt. Solche Mini-Serien sind im deutschen Fernsehen selten, deshalb spricht die Lust am Experiment für das eingespielte Rosa-Roth-Team, das eine Art Familienbetrieb ist: Die Mutter steht vor der Kamera, Sohn Oliver produziert und Carlo Rola, „der wie ein zweiter Sohn für mich ist“ (Iris Berben), führt Regie.

Zugleich ist „Der Tag wird kommen“ bis in die Nebenrollen exzellent besetzt: Jürgen Tarrach als widerlicher Sittenstrolch, Gunter Schoß als sein Freund und Bewunderer Zorn, Anneke Kim Sarnau als BND-Agentin, die Rosa Roth schwer zusetzt, Jasmin Tabatabai als coole Killerin und Sylvester Groth als raffinierter Krimineller und Gegenspieler von Rosa Roth – das ist schon eine eindrucksvolle Liste von Kollegen, die Roth/Berben da die Ehre geben.

„Der Tag wird kommen“, ZDF, heute, 25. und 28. April um 20 Uhr 15

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