Medien : Allein gegen die Stasi

„Der Stich des Skorpion“: Arte-Politthriller über einen lebenslangen Kampf

Barbara Sichtermann

„Berlin, nun freue dich!“ hieß es, als die Mauer gefallen war. Und wirklich, wenn man die alten Bilder wiedersieht, von den Trabbischlangen und Mauerspechten, den glückstrunkenen Berlinern aus West und Ost („Wahnsinn!“), dann zweifelt man nicht daran, dass die Bewohner der Mauerstadt dieser Aufforderung nachgekommen sind.

Es gab aber auch die anderen, die, die keine Freude kannten, dafür Verzweiflung, Schock, Entsetzen. Das waren die Hundertfünfzigprozentigen, für die nun alles aus war. Das waren die Doppelagenten und die IM’s. Der Film „Der Stich des Skorpion“ von Stefan Wagner (Buch: Ludger Karsten Schmidt) baut seine Geschichte über dem Riss auf, der nicht nur durch die Nation ging, sondern auch durch so manche Menschen.

Im Mittelpunkt steht Wolfgang Stein (Jörg Schüttauf), zu Beginn ein eher unbedarfter DDR-Bürger, der mit gefälschtem Pass (Kartoffeldruck) in den Westen rüber machen will, auffliegt, einfährt und im Knast erst das Regime so richtig hassen lernt. Als die Ostpolitik von Willy Brandt Freikäufe ermöglicht, gehört auch Stein zu den Glücklichen, die herauskönnen. Im Auffanglager Unna verliebt er sich in die Krankenschwester Anne (Martina Gedeck) und nimmt gleich dort einen Job an. Und er revanchiert sich doppelt. Er dankt es dem Westen, der ihn „geholt“ hat, und er zahlt es dem Osten heim, der ihn nicht wegließ: Er wird Fluchthelfer.

Kein Tunnel diesmal, keine doppelten Böden im Kofferraum – Stein und seine Helfer und Hintermänner arbeiten mit falschen Pässen (jetzt nicht mehr mit Kartoffeldruck) und Touristenvisa auf der Linie Sofia, Bukarest, Athen, Frankfurt/Main. Zweihundert Flüchtlinge werden es am Ende sein, denen Stein den Weg in den Westen geebnet hat. Die Stasi steht vor einem Rätsel. Sie sieht, dass der Fluchthelferring funktioniert, aber sie weiß nicht, wie. Logisch, dass dann Leute auf Stein angesetzt werden, die ihn ausforschen und ihm das Handwerk legen sollen. Kennwort: Operation Skorpion. Stein sollte liquidiert werden.

Ein Thriller also, der in den siebziger und achtziger Jahren spielt und die gespaltene Welt geschickt und souverän als Spannungsquelle nutzt. Jörg Schüttauf als Stein bewahrt sich über lange Strecken seine Lust am Räuber- und Gendarmspiel, seine typische Freude am „Rausholen“ und am Nasedrehen. „Jede gelungene Flucht ließ mich innerlich jubeln“, sagt er. Während der Stasi-Major knirscht: „Wolfgang Stein ist ein Staatsfeind und so wird er behandelt.“ Anne Stein verlangt von ihrem Mann die Kraft, einen Schlussstrich zu ziehen und sein gefährliches Gewerbe aufzugeben. Stein besinnt sich. Doch da ist es fast zu spät.

Regie und Darsteller meiden die naheliegenden Fallen. Nirgends wird das deutsch-deutsche Drama pathetisiert, selbst Szenen, die einen gewissen Déjà- vu-Effekt nicht vermeiden können, weil der oft genutzte Stoff um sie nicht rumkommt, wie etwa die Geheimbesprechung im Auto oder das Verhör im Stasibüro, sind hier wie neu: frisch, dicht und manchmal, so die Sequenzen mit einem ausnahmsweise nicht naturburschenhaften, sondern eleganten, undurchsichtigen Hannes Jaenicke, richtig aufregend.

Und die Auflösung am Schluss hält noch eine Überraschung bereit – wenngleich es hier dann doch ein bisschen arg melodramatisch zur Sache geht. Aber manchmal ist der das Leben noch viel wilder als die wildeste Fantasie. Der Film lehnt sich an eine Autobiografie (von Wolfgang Welsch) an – allerdings wurde nicht dazugesagt, wie viele dichterische Freiheit gewaltet hat.

Mit Sicherheit hat die deutsche Teilung Absurditäten hervorgetrieben, die keinem Drehbuchschreiber hätten einfallen können. Filmemacher tun also gut daran, sich auf wahre Quellen zu stützen. Im „Skorpion“ war es die Fluchthelferperspektive, die den Stoff entkrampft hat. Sie bot Gelegenheit, einen positiven Helden in den Mittelpunkt zu stellen und drumherum die Truppe gespaltener Charaktere zu gruppieren, die für die Zeit typisch und für einen Politthriller unverzichtbar sind. Der Film hat sogar eine – allerdings nur implizite – Moral, und die lautet: kein System ist verteidigenswert, das mit Notwendigkeit Denunzianten und Verräter erzeugt.

„Der Stich des Skorpion“, Arte,

20 Uhr 45

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