Medien : Alles auf 22 Uhr 15

Die ARD will eine einheitliche Anfangszeit für die „Tagesthemen“. Auf Kosten von „Hart aber fair“?

Joachim Huber

Peter Boudgoust versteht sich als „Heiler“. Er will der ARD „den Stachel aus dem Fleisch“ ziehen. Der Stachel, das sind die irritierend vielen Anfangszeiten der „Tagesthemen“. Die sieben Ausgaben pro Woche kommen auf fünf verschiedene Sendetermine; das ist in einem Fernsehprogramm, das über sein Schema dem Publikum hohe Verlässlichkeit bieten will, eine grobe Fahrlässigkeit – und für ein Nachrichtenjournal fast schon eine Todsünde.

Boudgoust, Intendant des Südwestrundfunks und seit Jahresbeginn ARD-Vorsitzender, sucht für das seit längerem schwärende Problem nach einer Lösung. Und er könnte sie gefunden haben, jedenfalls hat er seinen Intendantenkollegen in der vergangenen Sitzung eine solche vorgelegt. Ende März, bei der nächsten Chefrunde, soll endgültig abgestimmt werden.

Eine einheitliche Anfangszeit über die ganze Woche wird es auch künftig nicht geben, allerdings soll für Montag bis Donnerstag eine durchgängige Anfangszeit festgezurrt werden – 22 Uhr 15. Für Montag, Dienstag und Donnerstag gilt diese Regel längst, jetzt soll der Mittwoch dazukommen. Und da sitzt der nächste Stachel: Am Mittwoch startet die politische Talkshow „Hart aber fair“ um 21 Uhr 45 und dauert bis 23 Uhr 15, dann starten die „Tagesthemen“ quasi als vorgezogenes Nachtjournal. „Hart aber fair“ hat sich seit dem Wechsel vom WDR-Fernsehen ins Erste prächtig entwickelt und gehört mit „Anne Will“ (ARD) und „Maybrit Illner“ (ZDF) zu den Top drei der politischen Gesprächssendungen. Boudgoust und die eingesetzte Arbeitsgruppe präferieren die Verlagerung von „Hart aber fair“ auf 20 Uhr 15, gefolgt von Reportage oder Dokumentation, schließlich die „Tagesthemen“ um 22 Uhr 15.

Ein Starttermin nach der „Tagesschau“ sollte für Plasberg und seine Produktionsfirma „Ansager & Schnipselmann“ großartig klingen, wird aber von ihm und seinem größten Fan, der WDR-Intendantin Monika Piel, sehr kritisch gesehen. Einen gewohnten Sendeplatz zu verlassen, birgt die Gefahr neuer Publikumsverwirrung, hat zudem das Risiko, dass trotz gleichbleibender Zuschauerresonanz der Marktanteil von „Hart aber fair“ wegen der ungleich stärkeren Konkurrenz der anderen Programme ab 20 Uhr 15 sinkt. Und dann ist da der sehr bewährte „Film-Mittwoch“ um 20 Uhr 15 im Ersten, der wegfallen müsste.

Frank Plasberg, so ist aus der ARD-Spitze zu hören, ist von der angezielten Lösung wenig amüsiert. Also haben die Doktoren der Arbeitsgruppe „Stachel im Fleisch“ ein Art Beruhigungspille für Plasberg entwickelt. Er könnte für das Erste das Kanzlerduell moderieren. Anne Will würde dafür das ARD-Gesicht am Abend der Bundestagswahl am 27. September. Der Ausgleich ginge so weit, dass die Talkmasterin sogar der „Berliner Runde“ mit den Spitzenkandidaten der Parteien vorsitzen würde. All dies steht Ende März zur Abstimmung. Am Willen zum Beschluss sollte nicht gezweifelt werden. Die Intendanten der ARD halten Moderatoren der ARD in der Regel für Kinder, die durch den (groß-)elterlichen Willen zu ihrem Glück gesteuert werden müssen.

Oder es kommt alles ganz, ganz anders. Die ARD-Intendanten beschließen schlankweg, es gebe gar keinen Handlungsbedarf bei den „Tagesthemen“. Alles bleibt, wie es ist. Das Modell lautet dann folgendermaßen: Wieso brauchen wir eine Lösung, wo wir schon kein Problem haben?

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