Medien : Alles bei Aldi

Noch gibt es bei Discountern keine „Bild“. Springer will das ändern

Andreas Kötter

Vorbei die Zeiten, wo es nur die Grundbedürfnisse, Hunger und Durst waren, wegen denen man Aldi und Co. aufsuchte. Schließlich gibt es dort nicht nur besonders günstig Brot, Käse, Kaffee und Obst, sondern auch Bohrmaschinen und Laptops, Sportbekleidung und Möbel und bisweilen sogar Autos. Und doch bleibt bis dato ein Bedürfnis auch beim Discounter unbefriedigt, egal ob er nun Aldi oder Plus, Norma oder Lidl heißt. Es gibt hier weder Zeitungen noch Zeitschriften zu kaufen. Während Supermarkt-Ketten wie Edeka auch „Bild“, „Stern“ oder „Spiegel“ im Sortiment führen, erklärt man bei Aldi kategorisch: „Zeitungen oder Zeitschriften werden bei uns grundsätzlich nicht verkauft.“ Das allerdings könnte in Zukunft anders werden, zumindest was Plus und Norma betrifft.

Beim Verlag Axel Springer setzt man große Hoffnungen auf diesen möglichen neuen Vertriebsweg. Viele Kioske mussten in der Vergangenheit schließen, viele Verlage leiden unter sinkenden Auflagen – da ist jede neue Verkaufsstelle wichtig. Gregor Stemmle aus der Geschäftsleitung der „Bild“-Gruppe, sieht bei den Discountern „ein riesiges Potenzial“ und begründet dies mit den „veränderten Käuferströmen“: weg von den Supermärkten – hin zu den Discountern.

Stemmle setzt vor allem auf „die Türöffnerfunktion der Marke ,Bild’, wie schon früher bei den Bäckereien und den Tankstellen.“ Ganz so einfach aber dürfte es nicht sein, in Zukunft dauerhaft bei Plus und Co. neben Milch und Äpfeln auch die Zeitung mit den vier Buchstaben mitnehmen zu können. Noch gibt es eine ganze Menge ungelöster Probleme und Schwierigkeiten. Da ist zum einen die Tatsache, dass es das Wesen der Discounter ist, dem Kunden den besten, also niedrigsten Preis für ein Produkt anzubieten. Dem aber steht bei Zeitungen und Zeitschriften wie ein Bollwerk die Preisbindung entgegen.

Trotzdem gibt es seit einiger Zeit einen Testlauf der „Bild“-Gruppe mit der NormaKette. „Hier hatten wir zunächst zehn bis vierzehn Titel im Angebot“, so Stemmle. „Nun sind wir dabei, den Test mit neuen Displays und Regalen zu erweitern.“ Anders verhält es sich beim so genannten Markendiscounter Plus. Hier gibt es laut Stemmle noch keinen festen Termin, „wir sind aber mit Plus und auch mit dem Presse-Grosso in Gesprächen.“ Die Grossisten beklagen eine nicht von Anbeginn kooperative Zusammenarbeit. Sie beziehen die Zeitungen und Zeitschriften von den Verlagen, um sie dann an den Einzelhandel weiterzugeben, 80 Großhändler beliefern so mehr als 116 000 Verkaufsstellen in Deutschland. Werner Schiessl, Vorstandsvorsitzender des Verbands Presse Grosso, bemängelt, „dass die beiden Vertragspartner, Plus und die ,Bild’-Gruppe, in der Erschließungsphase zunächst ohne jegliche Rücksprache mit dem Presse Grosso verhandelt haben“. Während Plus und Norma zunächst nur ein bestimmtes Sortiment zulassen wollen, beharren die Grossisten auf ihrem Dispositionsrecht, nach dem alle Zeitungen und Zeitschriften und damit auch kleine Verlage in den Genuss neuer Vetriebswege kommen sollten.

Den Vorwurf, niemand habe mit dem Grosso gesprochen, empfindet Stemmle als „befremdlich“: „Dieser Vorwurf erstaunt mich zutiefst, wir haben sogar gemeinsam eine Vereinbarung entwickelt und unterzeichnet, die für beide Seiten, den Verlag und das Grosso, genau festhält, wie dieser Test bei Plus ablaufen könnte.“ Und auch die Befürchtung gerade kleiner Verlage, auf der Strecke zu bleiben, versucht Stemmle zu zerstreuen: „Daran sind weder wir selbst noch die Discounter interessiert, die schließlich Umsatz machen wollen“. Werner Schiessl fürchtet dennoch um die Vielfalt: „Selbst wenn die Discounter in Zukunft vielleicht ein Sortiment von 80 bis 120 Titeln haben werden, dann ist das schon viel. In Anbetracht der Tatsache aber, dass ein Vollsortiment bis zu 1300 Titel umfasst, würde dennoch der Vertriebsauftrag für das Gesamtsortiment nicht erfüllt.“ In letzter Konsequenz könnte seiner Meinung nach gar die Pressefreiheit in Gefahr geraten. Er verweist auf den gesetzlichen Auftrag seines Berufsstandes: „Jeder muss sich ungehindert umfassend informieren können. Daher ist das, was jetzt bei Plus passiert, gelinde gesagt höchst unglücklich“, fürchtet er angesichts junger Verbraucher, „die mit den Discountern aufwachsen und so vielleicht überhaupt nie mit bestimmten Presse- Erzeugnissen in Berührung kommen.“ Schiessl bezweifelt, ob zusätzliche Verkaufsstellen zu Auflagensteigerungen führen, gibt jedoch mögliche negative Auswirkungen auf die Kioske zu bedenken: „Wenn Sie sich eine Ausgabe von ,Auto, Motor und Sport’ kaufen wollen, dann ist es Ihnen in der Regel egal, wo Sie das tun“. Allerdings „werden Sie kaum zweimal dieselbe Ausgabe kaufen, nur um Ihrem alteingesessenen Zeitschriftenhändler eine Freude zu machen“.

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