Medien : Alles nur geklaut?

Nicht nur die Plakate der teuren deutschen Fernsehfilme erinnern an Hollywood

Jeannette Krauth,Dorothee Schmidt

Daran vorbeikommen ging gar nicht. Vor dem Supermarkt, an der Kreuzung, vorm Einkaufscenter – das Plakat zum Fernsehfilm „Dresden“ hing wirklich überall. Die Republik tapeziert mit Felicitas Woll und ihrem Engländer. Schaut her, das ist der neue, große Fernsehfilm, den das ZDF gebacken hat, sollte das heißen. Doch – waren die Augen überrascht? Eher nicht. Vertraut erschien das Motiv. Ihr rot schimmerndes Haar, der Pottschnitt des Mannes – kannte man das nicht? Das ist doch – ja, „Titanic“! Pose, Frisur, Farbgebung!

Fast ein Plagiat. Und nicht das einzige: Gleiches gilt für „Die Luftbrücke“, deren Plakat wie das des US-Films „Pearl Harbor“ aussah: ein paar Flugzeuge im Hintergrund, als Motivtapete sozusagen, davor die Köpfe der Protagonisten. Und, um das Trio der jüngsten Historien-Spielfilme im deuschen Fernsehen zu komplettieren – bei der „Sturmflut“ war es ähnlich: Drei Protagonisten vor einem Regenteppich, ein silberner Schriftzug unten. Das ist amerikanische Filmästhetik. Und neu für den deutschen Fernsehfilm.

Kopiert haben die Film-Werber also. Aber ist es vielleicht auch ein Indiz, wie sich der deutsche Fernsehfilm wandelt? Es ist doch dieses Ami-Konzept, das da adaptiert wird: eine historische Katastrophe als Hintergrund zu nutzen und darüber die Schablone „Boy meets Girl“ legen. Zuvor zeigten historische Fernsehformate mehrere Schicksale – „Heimat“ von Edgar Reitz etwa.

Zehn Millionen Euro ließ sich das ZDF „Dresden“ kosten, damit ist es der bislang teuerste deutsche Fernsehfilm. Ausgegeben für den Versuch, eine Liebesgeschichte (Garant für Breitenunterhaltung) mit Geschichtsentertainment (Historie macht TV-Quoten) zu verknüpfen. Die Masse der Plakate und die Strategie im Stilmix zeigen: Hier wird versucht, wieder Filme für alle Generationen zu zeigen. „Das ist die Reaktion der Fernsehsender auf den Rückzug ins Geborgene“, sagt Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger von der Uni Mainz. „Cocooning“ nennen Soziologen diese Rückbesinnung auf Familie, auf das Zuhause.

Ursprünglich sei der Fernsehfilm immer für eine bestimmte Zielgruppe gemacht worden, sagt Stiglegger, sei etwa Krimi oder Sozialdrama gewesen. Es ist neu, dass Fernsehfilme „multicodiert“ wären. Also: Die Rekonstruktion Dresdens für Papa und Opa, Felicitas Woll dazu als Identifikationsfigur für die Jungen. Dazu noch ein bisschen Monumentalkino, wie der Blick auf das zerbombte Dresden, und eine „Entintellektualisierung“, also anders als etwa bei „Heimat“ nur ein Handlungsstrang und einfache Dialoge (selbst Englisch mit Untertiteln traute das ZDF dem Zuschauer nicht zu, kurz vor der Ausstrahlung wurde doch noch synchronisiert). Verpackt wird das alles als großes Ereignis, siehe Plakatierung der Republik. „Großes Kino sind dabei nur die Spezialeffekte“, sagt dazu Filmkritiker Ulrich Kriest, „die Dramaturgie ist Soap“.

Interessant auch: „Boy meets Girl“ ist eine Strategie aus dem Hollywood der 30er bis 60er Jahre, sagt Gereon Blaseio vom Institut für Theater, Film und Fernsehwissenschaft in Köln. Außer „Titanic“ sei kein US-Film dieser Art in den vergangenen Jahren erfolgreich gewesen. Also wieder ein Indiz für die neue Bürgerlichkeit. Ein Fernsehfilm für die ganze Republik, mit Bildästhetik und massenhafter Plakatierung, wie vor fünfzig Jahren Kinofilme beworben wurden, gepaart mit Soap-Charaktertiefe aus dem 21. Jahrhundert – so weit die Idee.

„Das ist der Versuch, einen Straßenfeger zu machen“, sagt Ulrich Kriest. Doch bisher gelinge das nur in der plakativen Verpackung – denn „unsere Gesellschaft ist zu ausdifferenziert“ für ein solches Konzept. Junges Publikum hat „Dresden“ etwa kaum erreicht: 18 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 29-Jährigen stehen gegen 38 Prozent bei den über 50-Jährigen.

Die ARD dreht übrigens gerade einen Film über die Vertreibung aus Ostpreußen. Im Zentrum steht eine Frau ( gespielt von Maria Furtwängler) mit Kind – und nicht eine Frau zwischen zwei Männern.Vielleicht verspricht sich die ARD ja durch eine Alleinerziehende den Link zur Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Damit sie einschalten, die unter 30-Jährigen.

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