Medien : Alles Psycho

Rainer Moritz

Geahnt habe ich es schon lange, doch glauben wollte ich es nicht. Seit den 1970er Jahren wehre ich mich standhaft dagegen, jede kleinste menschliche Regung psychologisch bis in alle Verästelungen auszuleuchten, über das Geschlecht der Gedanken nachzusinnen oder einen Frosch im Hals automatisch als psychosomatische Blockade zu deuten. Jetzt, dreißig Jahre später, muss ich einräumen, diesen Kampf verloren zu haben. Gegen die Küchenpsychologisierung ist kein Kraut gewachsen, und wer sich nicht das sensible, in jedem Volkshochschulblockseminar zu erlernende Psychovokabular aneignet, ist nicht einmal mehr im Stande, ein Fußballspiel zu verstehen.

Der säuselnd schleimende Reinhold Beckmann und der vor Dauererregung stets lauthals rufende Steffen Simon machen es vor: Es geht bei dieser Weltmeisterschaft nicht um taktische Systeme, um Strafraumbeherrschung oder Mittelfeldrauten; nein, es geht allein um die Oberherrschaft im dumpfen Psychologisieren: Wie ist es Jürgen Klinsmann und Marcello Lippi gelungen, ihre Jungs zu einer „verschworenen“ Truppe „zusammenzuschweißen“? Was geht in Oliver Kahn vor, wenn er auf der Bank nur Fliegen fangen darf? Was tun, wenn Lukas Podolski „übermotiviert“ ist? Wenn der Latino von Natur aus „heißblütig“ ist, Bernd Schneider sich als „Schnelldenker am Ball“ erweist oder der arme argentinische Trainer Pekermann, der „stille Stratege“, einen „melancholischen Blick“ über seine Strafstoßversager gleiten lässt? Und wird sich Schiedsrichter de Bleeckere beim Verteilen von gelben Karten dadurch beeinflussen lassen, dass er drei Stunden nach Anpfiff seinen 40. Geburtstag feiert?

Alles das verstehen wir nun, zumindest wenn wir Reinhold Beckmann oder Steffen Simon heißen. So eine WM bringt einen weiter, menschlich gesehen; auch ich bin jetzt innerlich schon ganz „heiß“ auf meine nächste Kolumne, wie Michael Ballack auf die Italiener, die vom Korruptionsskandal in ihrer Heimat psychisch abgelenkt sind. Oder sich nichts daraus machen …

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