Medien : Alles wird gut

„Verliebt in Berlin“: Die Sat-1-Telenovela macht das „Landei“ Lisa glücklich

Marc Neller

Man sieht den Postdamer Platz, hektisches Treiben, mittendrin eine junge Frau mit einer Brille – das heißt: Es sind veritable Flaschenböden, durch die hindurch Lisa Plenske die Welt wahrnimmt. Da ihre Zähne hinter den Gittern einer festen Spange verschwinden, darf man wohl sagen, sie entspricht nicht ganz den gängigen Schönheitsidealen. Egal. Das unscheinbare Mauerblümchen vom Land, 22 Jahre lang wohlbehütet aufgewachsen, ist entschlossen, in der Berliner Modeszene Fuß zu fassen. Und: Noch bevor sie zum Bewerbungsgepräch bei einem angesagten Modemacher antritt, verliebt sie sich in einen blendend aussehenden jungen Mann, der alsbald ihr Chef sein wird. Nur so. Sie hat ihn im Vorbeigehen auf der Straße gesehen.

So beginnt die erste Folge der Sat-1-Telenovela „Verliebt in Berlin“, die von heute an gut ein Jahr lang wochentäglich im Vorabendprogramm des Privatsenders laufen soll. Der Einstieg in die Handlung sagt alles darüber aus, worum es in den kommenden 225 Folgen gehen wird. Denn Telenovela bedeutet: Alles wird gut. Siehe Südamerika, wo Telenovelas seit den 50er Jahren fester Bestandteil des Fernsehprogramms sind. Zu ihren selbstverständlichen Zutaten gehören klare Rollenprofile: Held, Heldin, Biest, Patriarch und so weiter. Also hat Lisa Plenskes schöner Chef eine Verlobte und einen missgünstigen Gegenspieler. Und ebenso selbstverständlich werden sich Plenske und der Chef ineinander verlieben. Die Frage ist, ob in Folge 153 oder in Folge 176. Das Genre hat sich aus dem Fortsetzungsroman entwickelt, es ist ein Spiel mit Klischees.

„Ich liebe Klischees“, sagt Hauptdarstellerin Alexandra Neldel. Mit der seriellen Produktion von Wirklichkeitsabziehbildern kennt sie sich bestens aus. Von 1996 bis 1998 spielte sie in der RTL-Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Als sie ausstieg, sagte Neldel in einem Interview über die Soap-Welt: Sie sei „aufregend, aber sehr oberflächlich“.

Dass sie nun nach einigen Kinofilmen wie „Autobahnraser“, „Erkan und Stefan“ oder „Der letzte Lude“ in jene Welt zurückkehrt, davon will die Schauspielerin aus Schöneberg nichts wissen. „Eine Telenovela wie ,Verliebt’ ist mit einer Soap nicht zu vergleichen. Die ganze Geschichte ist aus der Sicht einer Figur erzählt.“ Diese Figur ist Lisa Plenske, Alexandra Neldel spielt also die Hauptrolle. Dieser Herausforderung wegen habe sie das Angebot angenommen. „Endlich ist es mal nicht so wichtig, dass ich blond bin und gut aussehe, sondern wie ich spiele.“ Eine klischeehafte Charakterrolle – ist das kein Widerspruch? „Nein“, sagt Neldel. „Ich habe ein Jahr Zeit, eine Figur mit einer Entwicklung zu spielen.“ Für den Dreh trägt sie eine zweite Haut mit Fettpölsterchen und Kleidung in Größe 40 statt wie im richtigen Leben in Größe 36. Dazu Flaschenböden, Spange, verschnittene Perücke. Dass man ihr die doch sehr plakative Hässlichkeit schwer abnimmt, übergeht Alexandra Neldel mit einem Schulterzucken.

Christian Popp, der Produzent des Unternehmens, sagt dazu: „Es ist ein Riesenschritt, so eine Figur zu erzählen. Eine Figur wie du und ich, nicht schön, dazu schlecht angezogen, jemand, der sich in einer schönen Scheinwelt bewegt. Spannende Konflikte sind bei diesen Voraussetzungen vorprogrammiert.“

Nun könnte man sagen, dass er damit, unfreiwillig und in einem weitergehenden Sinn, sehr richtig liegt. Denn die Produktion bedeutet Konfliktpotenzial auf unterschiedlichen Ebenen. Das ZDF strahlt mit „Bianca – Wege zum Glück“ seit November 2004 eine Telenovela (mit beachtlichen Quoten) aus und hat Sat1 damit ausgerechnet in der Disziplin Programminnovation geschlagen – wo doch Neuerungen im Sat-1-Selbstverständnis äußerst wichtig sind. Produzent Popp sagt dazu knapp: „Wir freuen uns, dass ,Bianca’ so gut funktioniert. Das lässt uns hoffen.“

Hoffen auch darauf, dass „Verliebt in Berlin“ ähnliche Quoten erreicht wie die Krimiserie „K 11“ – auf deren Sendeplatz sie rückt. „K 11“ hat einen Marktanteil von zwölf bis 13 Prozent in der für Sat1 werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-jährigen Zuschauer. Das ist etwas mehr als der Senderschnitt. Zwar will sich Alicia Ramirez, stellvertretende Sat-1-Geschäftsführerin, „nicht auf eine Zielquote festlegen lassen“, sie sagt aber auch, dass jene zwölf Prozent „nach einer gewissen Anlaufzeit keine Utopie“ sein sollten. Zudem: Im Produktionsstudio in Adlershof, wo das Team derzeit jeden Tag eine der 25-minütigen Folgen abdreht, vermeiden sie es, so gut es geht, über „Lolle“ und die hoch dekorierte ARD-Serie „Berlin, Berlin“ zu sprechen. Produzent Popp sagt: „Dieser Vergleich ist gefährlich.“

Hoffnung, dass er Vergleiche nicht scheuen muss, könnte er aus seiner eigenen Produktion ziehen. Zu Beginn der ersten Folge sagt eine Off-Stimme: Jeder kriege seine Chance im Leben. Das nämlich ist die Botschaft der neuen Serie.

„Verliebt in Berlin“, 19 Uhr 15, Sat 1

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