Medien : Als der Spaß ins Lernen kam

Wieso, weshalb, warum? Die deutsche Ausgabe der „Sesamstraße“ feiert 30. Geburtstag

Tilmann P. Gangloff

In 148 Ländern läuft die „Sesamstraße“ mittlerweile, doch die ARD war vor 30 Jahren der erste Sender, der das Magazin um eigene Beiträge ergänzte. Am 8. Januar 1973 gab es den ersten Auftritt von Ernie und Bert, dem Krümelmonster, Bibo und Grobi. Deutsche Pädagogen und Politiker hielten Fernsehen für Kinder im Vorschulalter damals für höchst bedenklich. Mit der „Sesamstraße“, für die ARD vom NDR gekauft und bearbeitet, kam die Wende: Das Konzept überzeugte auch Skeptiker – der Beginn eines weltweiten Siegeszuges.

Mit keiner anderen Sendung hat die amerikanische Produktionsfirma Children’s Television Workshop (CTW), übrigens eine Non-Profit-Organisation, ähnlichen Erfolg gehabt. Nur das Amerika-skeptische Frankreich hat Ernie, Bert & Co. die Einreise bislang verweigert. Galliens Rolle im Weltmarkt spielte in Deutschland übrigens zunächst Bayern: Alle Dritten Programme zeigten „Sesamstraße“, nur nicht Bayern 3.

Dabei macht die CTW-Philosophie die Sendung über jeden Verdacht erhaben: Gegründet wurde sie vor dem Hintergrund der mangelhaften Chancengleichheit im amerikanischen Bildungssystem; vor allem Kinder aus ethnischen Minderheiten sollten bereits im Kindergartenalter gefördert werden. Als Forschungen ergaben, dass Kinder die Melodien von Werbespots besser behielten als den Inhalt des eigentlichen Programms, war die Idee geboren, das Fernsehen unterhaltsam für die Bildung zu nutzen – lange vor dem Schlagwort „Edutainment“. Auch in Deutschland sprach man Anfang der siebziger Jahre von einer Bildungskatastrophe. Die damalige Bundesregierung förderte den USA-Import mit drei Millionen Mark. Wer so hilfreiche Antworten die Fragen nach dem Wieso, Weshalb, Warum geben kann, der kann nichts Schlechtes im Schilde führen.

Das Erfolgsrezept von „Sesame Street“ überall auf der Welt war von Anfang an die unbedingte Annäherung an die jeweilige Kultur: Hier wird nicht einfach eine Serie exportiert; entscheidend ist die Assimilierung. Die kurzen Geschichten mit Ernie und Bert werden durch eine jeweils nationale Rahmenhandlung mit einheimischen Schauspielern erweitert. Hierzulande waren und sind dies unter anderem Liselotte Pulver, Uwe Friedrichsen, Manfred Krug und aktuell Dirk Bach, die mit den Puppen sprechen und spielen. Eigene Figuren wie aktuell Pferd und Wolle, über deren Persiflagen auf Talkshows oder „Wetten, dass …?“ sich auch Erwachsene amüsieren können, machen die „Sesamstraße“ zu einer deutschen Sendung.

Der Kinderkanal zeigt das Magazin montags bis samstags immer um 8 Uhr. Das Jubiläum feiert die ARD schon an diesem Sonntag um 7 Uhr 30 mit einer Geburtstagssendung.

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