Medien : Als der Terror kam

Hans-Joachim Klein, München ’72 : Zwei Dokus widmen sich gefährlichen Jahren in Deutschland

Thomas Gehringer

Eine sanfte Hügellandschaft in Frankreich. Die Vögel zwitschern, ein Mann hängt Wäsche auf – ein friedliches Bild. Die Geschichte des ehemaligen Terroristen Hans-Joachim Klein beginnt wie ein beschauliches Landschaftsporträt. Nur die Tonspur irritiert: Klänge aus einer weniger friedlichen Vergangenheit mischen sich in die Idylle. „Ich bin verantwortlich für die Toten“, sagt Klein am Ende des ARD-Dokumentarfilms „Ein deutscher Terrorist“. „Das ist mein inneres Gefängnis, aus dem werde ich nicht mehr herauskommen.“

Der Frankfurter Hans-Joachim Klein war 1975 an dem Überfall auf die Wiener Opec-Zentrale beteiligt. Drei Menschen starben, als ein Terror-Kommando arabische Öl-Minister als Geiseln nahm. Klein schoss, tötete aber niemanden. Wenige Minuten nach Beginn der Aktion setzte ihn ein Querschläger aus einer Polizeiwaffe außer Gefecht. „Da bin ich mit einem kleinen Loch im Bauch“, kommentiert er, als ihm Film-Autor Alexander Oey Fotos und TV-Bilder von 1975 vorführt. Es klingt zuweilen etwas seltsam, wenn dieser faltig und müde gewordene Mann von der Vergangenheit redet. Er hat eine Vorliebe für den englischen Ausdruck „inside informations“ und prahlt mit seinen Schießkünsten. An seiner Abkehr vom Terrorismus besteht kein Zweifel: Er sagte sich bereits 1978 öffentlich los, versteckte sich 20 weitere Jahre im Untergrund und stellte sich 1998 freiwillig der Justiz in Deutschland. Klein wurde zu neun Jahren Haft verurteilt und 2003 vorzeitig entlassen.

Oey gelingt ein differenziertes Porträt und eine aufschlussreiche Studie über die Geschichte der westdeutschen Linken. In Kleins klare Haltung mischen sich Anflüge von nostalgischer Erinnerung an die aufrührerischen Zeiten nach 1968, besonders in Frankfurt, wo er ehemalige Weggenossen wie Daniel Cohn-Bendit trifft. Der Grünen-Politiker redet in dritter Person über den anwesenden Freund hinweg – schon ist der gelernte Kfz-Mechaniker wieder der „Klein-Klein“, so sein damaliger Spitzname, der Vorzeige-Proletarier, der den Intellektuellen die Autos reparierte. Klein war Mitglied der Frankfurter „Putzgruppe“, die für den Straßenkampf gegen die Polizei trainierte. „Der Herr Joschka Fischer war sehr gut immer“, erinnert er sich. Doch während Fischer rechtzeitig ausstieg, ließ sich Klein von den Revolutionären Zellen (RZ) rekrutieren.

Das Fernsehen steht heute im Zeichen des Terrorismus: Das sehenswerte Klein-Porträt und die ZDF-Doku „Der Olympia-Mord“ knüpfen an die 70er- Jahre an, in denen sich mehrere terroristische Anschläge gegen Israel und gegen Juden richteten. Die ZDF-Autoren wollen nicht zuletzt die Rolle der DDR bei ihrer Kooperation mit den Palästinensern beleuchten. Abu Daoud, der Drahtzieher des Attentats während der Olympischen Sommerspiele 1972 in München, fand in den 80ern in der DDR Unterschlupf. Abu Daoud und weitere Zeitzeugen aus Israel, Palästina und Deutschland kommen zu Wort.

Auch westdeutsche Links-Terroristen pflegten gute Kontakte in den Nahen Osten. Die Revolutionären Zellen waren an der Entführung eines Flugzeugs von Tel Aviv nach Entebbe 1976 beteiligt. Dabei wurden die jüdischen Geiseln aussortiert, wie damals in Nazi-Deutschland. Klein war für das Kommando eingeteilt, konnte aber wegen seiner Bauchverletzung ablehnen. Seine Mutter, die sich fünf Monate nach Kleins Geburt das Leben nahm, saß 18 Monate im KZ Ravensbrück, weil sie mit einem Juden zusammengelebt hatte.

Eigentlich habe er erst nach seinem Ausstieg mit dem Nachdenken begonnen, sagt Hans-Joachim Klein. Seine einstigen Terror-Kumpane nennt er „Linksfaschisten“ und „moralisch total verwahrlost“.

„Der Olympia-Mord“, ZDF, 20 Uhr 15; „Ein deutscher Terrorist“, ARD,

22 Uhr 45

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