Medien : Als die Nachrichten fliegen lernten

Bernd Hops

Menschen, die seit mehr als zwanzig Jahren bei ein und dem selben Unternehmen arbeiten? Es gibt sie noch, selbst in der für ihre Schnellebigkeit bekannten Medienbranche. Einer von ihnen ist Giancarlo Orlando, Vorstand der Reuters AG, der deutschen Tochter des weltweit größten Nachrichtenkonzerns - Reuters Group plc., London. Warum er so lange dabei geblieben ist? "Es war so, als wenn ich immer wieder in ein neues Unternehmen gekommen wäre."

Angefangen hat Orlando 1980 in München als Informationsverkäufer und ging drei Jahre später nach Afrika, um dort Reuters zu vermarkten. Danach ging es in die Schweiz, 1989 nach Wien, um von dort das Osteuropa-Geschäft aufzubauen, und seit drei Jahren ist Orlando wieder in Deutschland. Ähnlich erging es auch dem Reuters-Chefredakteur in Deutschland, Hans Obermeier. Er hat es immerhin schon auf 13 Jahre im Konzern gebracht.

Ganz typisch sind die beiden Biografien für die Agentur Reuters, die in diesem Jahr ihren 150. Geburtstag feiert, freilich nicht mehr. Die Fluktuation in der Reuters-Redaktion in Deutschland liegt bei etwa sechs Prozent. Und der neue Chef des Gesamtkonzerns, Tom Glocer, hat Reuters weltweit ein umfassendes Sparprogramm verordnet. Bis Ende 2002 sollen 1600 Stellen wegfallen. Zurzeit hat Reuters noch weltweit 19 000 Mitarbeiter, davon etwa 2000 Journalisten. In Deutschland sei allerdings geplant, das derzeitige Niveau von 680 Mitarbeitern zu halten, sagt Orlando. Die Stimmung im Jubiläumsjahr ist also etwas getrübt. Doch ein Reuters-Mitarbeiter sagt gelassen: "In den wenigen Jahren, die ich bei Reuters bin, wurden schon einige Umwälzungen angekündigt." Die Umsetzung sei dann aber behutsam verlaufen. Denn bei Reuters ist man sich seiner Tradition, wie es dem Klischee eines britischen Unternehmenes entspricht, bewusst.

Als im Oktober 1851 die Nachrichtenagentur von Paul Julius Reuter, einem Deutschen, im Londoner Bankenviertel gegründet wurde, überbrachten noch Brieftauben die Nachrichten und Börsendaten. Bald kam die Telegrafie als Kommunikationsmittel hinzu. In den Pionierzeiten der Agentur fing Gründer Paul Julius Reuter außerdem die Post-Schiffe aus den USA vor Irland ab. 1865 konnte er so als erster die Ermordung des amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln in London melden. Im selben Jahr brachte er seine Nachrichtenagentur auch an die Börse.

"Heute gibt es innerhalb des Konzerns sehr strenge journalistische Regeln", sagt Chefredakteur Obermeier. Berichte müssten frei sein von jeglicher Parteinahme oder von Kommentaren. Obermeier betont: "Wir berichten auch kritisch über ein großes Finanzinstitut, selbst wenn es ein guter Kunde ist." Gerüchte müssten erst genau geprüft werden, bevor sie auf den Ticker geschickt werden. Und auch bei der Arbeit in Ländern mit Diktaturen gelte: "Wenn eine ausgewogene Berichterstattung nicht möglich ist, machen wir sie nicht." Oder die Empfänger der Meldungen würden ausdrücklich darauf hingewiesen.

Doch ist Reuters seit seiner Gründung nicht nur eine klassische Nachrichtenagentur, sondern vor allem ein Nachrichtendienst für die Finanzwelt. Mit Meldungen für Zeitungen macht der Konzern nur einen kleinen Teil seiner Umsätze von weltweit etwa 11 Milliarden Mark. Heute können Nutzer Daten zu mehr als 940 000 Aktien, Rentenpapieren oder ähnlichen Anlagen abrufen. Hinzu kommen Informationen über 40 000 Unternehmen. Doch einer aktuellen Analyse der Investmentbank Morgan Stanley zufolge ist dieser Geschäftzweig schwer angeschlagen. "Die Informationstechnologie bei den Banken hat Lungenentzündung", heißt es darin, und "Reuters Financial deshalb eine Erkältung". Ein weiterer Grund für die angekündigten Sparmaßnahmen ist der schwächelnde Aktienkurs.

Seit den 20er Jahren verdient Reuters das meiste Geld mit der Übermittlung von Finanzdaten. Damals passierte das per Langwelle und Morsecode. Inzwischen können Reuters-Kunden über ein Computer-Terminal-System Informationen abrufen - oder auch Devisen handeln.

Seit 1994 verfügt Reuters über einen eigenen Fernsehkanal, der für Händler wichtige Ereignisse, die den Markt beeinflussen, live überträgt. Und in den letzten Jahren setzt Reuters verstärkt auf das Internet. "Reuters ist weltweit der größte Anbieter für Nachrichten im Internet", sagt Deutschland-Chef Hans Obermeier.

Deutschland war immer wichtig für Reuters. Die Agentur war unter den ersten, die sowohl den Bau als auch den Fall der Berliner Mauer meldete. Frederick Forsyth wurde als Reuters-Mitarbeiter in den 60er Jahren in Ost-Berlin zu seinen späteren Thrillern inspiriert. Aber auch nach dem Ende der DDR bleibt Deutschland ein wichtiger Standort. Bei einem Umsatz von 581 Millionen Mark im Jahr 2000 habe die Reuters AG einen Gewinn von 50 Millionen Mark erwirtschaftet, sagt Orlando: "Im Vergleich zu anderen Ländern ein ansehnliches Ergebnis." Und das nachrichtliche Angebot solle - wie bereits in anderen Ländern - ausgeweitet werden auf Entertainment, aber auch Medizinthemen, erzählt Obermeier. Mit dem vor kurzem vollzogenen Amtsantritt des US-Amerikaners Tom Glocer als neuem Vorstandschef der Reuters Group ist ein Umbau der Geschäftsstruktur geplant. Künftig richten sich die Unernehmensbereiche nach den Kundengruppen aus, nicht mehr nach den Produktarten, die angeboten werden. Die Nachricht ist eben doch nicht alles - auch bei einer Nachrichtenagentur.

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