Medien : Als die Partei nicht mehr Recht hatte

Der ARD-Film „Tage des Sturms“ bietet ein realistisches Zeitbild zum 17. Juni 1953 in Bitterfeld

Alva Gehrmann

Der 17. Juni 1953 ist ein verblichener Gedenktag im deutschen Kalender. Erst zum 50. Jahrestag des Volksaufstandes in der DDR, der von der sowjetischen Armee niedergeschlagen wurde, gerät das Datum wieder ins Blickfeld. Beim Fernsehen widmen sich insbesondere die Öffentlich-Rechtlichen dem Thema. Beim Ersten gab es gar ein Gerangel darum, wer denn nun als Erstes seinen Film zeigen darf. Die Produktion „Zwei Tage Hoffnung“ (14. Mai, ARD, 20 Uhr 15), ein Politthriller von SWR und WDR, musste dem MDR- Film um eine Woche den Vortritt lassen. So macht der Film „Tage des Sturms“ heute um 20 Uhr 15 – immerhin sechs Wochen vor dem 50. Jahrestag – den Anfang.

Der Film erzählt die Geschichte der Bitterfelder Familie Mannschatz, die in die Ereignisse des Juni 1953 verwickelt wird. Einfühlsam und schlüssig werden die Hoffnungen und Alltagssorgen der Menschen in der DDR erzählt. Der Zuschauer taucht in die Zeit ein, lernt unterschiedliche Haltungen, ja Ideale kennen. Zum Beispiel die von Alfred Mannschatz (Peter Sodann). Der Rentner ist SED- Genosse, der jedoch im Herzen immer Sozialdemokrat geblieben ist. Als sich die Partei nach dem Tode Stalins noch mehr zur Diktatur entwickelt, beginnt er zu zweifeln: „Was haben die nur aus unserer Partei gemacht? Die Partei hat immer Recht und braucht niemanden mehr zu fragen. Wer da mitmacht, der macht sich doch schuldig“, sagt er zu seiner Frau Herta (Thekla Carola Wied). Herta war nie in der Partei; als sie wegen ihrer Aktivitäten in der Kirche auch noch verhaftet wird, tritt Alfred Mannschatz aus der Partei aus.

Dieser Schritt fällt ihm nicht leicht, ahnt er doch, dass er damit seine Freundschaft mit dem Stasifunktionär Pfefferkorn gefährdet. Beide kämpften 1920 beim Leunaer Arbeiteraufstand, damals rettete sein Freund ihm, Mannschatz, das Leben. Bruno Pfefferkorn (Hans Peter Hallwachs), der während des Nazi- Regimes im KZ war, sieht in jedem, der gegen die Partei ist, einen Faschisten: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Das Besondere an dieser präzisen und realistischen Momentaufnahme ist, dass die Protagonisten greifbar und begreifbar werden. Das liegt am Drehbuch, andererseits an Schauspielern wie Thekla Carola Wied, gerade im Zusammenspiel mit Peter Sodann.

Auch Wotan Wilke Möhring überzeugt als Schwiegersohn Hartmut Brücken. Mit seiner Frau Claudia (Franziska Petri) und dem gemeinsamen Sohn lebt er im Haus der Schwiegereltern – die Enge führt zu Konflikten mit Claudia. Am 17. Juni jedoch werden die privaten Probleme von den politischen Ereignissen eingeholt: Als Brücken, der Brigadier des Elektrochemischen Werkes ist, hört, dass in Berlin Arbeiter gegen die Erhöhung der Normen protestieren, engagiert sich der bis dato unpolitische Mann und wird in die Bitterfelder Streikleitung gewählt. Er hält eine Rede, die in der ganzen Stadt per Lautsprecher übertragen wird. Als Brücken gerade freie Wahlen fordert, wird die Leitung gekappt. Kurze Zeit später wird der Ausnahmezustand verhängt – Brücken muss fliehen. „Er ist genauso verrückt wie du“, sagt Herta zu ihrem Mann. „Da hat unsere Tochter ja noch mal Glück gehabt, dass sie auch so einen abgekriegt hat“, antwortet Alfred.

Es sind Dialoge wie diese, die den Zuschauer trotz der Tragik immer wieder schmunzeln lassen. Das Drehbuch hat Produzent Hans-Werner Honert gemeinsam mit Erich Loest („Nikolaikirche“) konzipiert. Der Leipziger Schriftsteller hat einen Teil seiner eigenen Geschichte aufgeschrieben. Für seine Kritik an der SED-Führung nach der Niederschlagung des Aufstandes wurde Loest, damals Vorsitzender des Schriftstellerverbandes Leipzig, aus der Partei ausgeschlossen und 1958 wegen „konterrevolutionärer Gruppenbildung“ zu siebeneinhalb Jahren Haft in Bautzen verurteilt.

Auch in „Tage des Sturms“ gibt es kein Happy End. Wohl aus Respekt vor den realen Opfern des Aufstandes. Dem echten Bitterfelder Streikführer gelang nicht, wie Hartmut Brücken, die Flucht in den Westen – er musste 15 Jahre ins Gefängnis.

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