Medien : Als Rentner ein Versager

Gerd Ruge wird 80 Jahre alt und arbeitet wieder an einem Film über Russland

Thomas Gehringer

Die überflüssigste Frage, die man Gerd Ruge stellen kann, ist, was er denn in seinem Ruhestand treibe. Natürlich bereitet er einen neuen Film vor, natürlich geht es um Russland. „100 km rund um Moskau“, der 15. Film (!) in der nach seiner Pensionierung 1993 begonnenen ARD-Reihe „Gerd Ruge unterwegs“, soll im Weihnachtsprogramm 2009 ausgestrahlt werden. Bereits im November 2008, wenn die Amerikaner ihren nächsten Präsidenten wählen, wird Ruge als Experte im ARD-Studio zu sehen sein. Ein Leben lang Journalist – auf keinen trifft das besser zu als auf den gebürtigen Hamburger. Als Rentner sei er allerdings ein Versager, wird seine Frau in einem Filmporträt des WDR zitiert. Heute feiert Gerd Ruge seinen 80. Geburtstag. Da immerhin arbeitet er nicht. Er werde „nichts Besonderes“ unternehmen, sagt er mit Ruge-typischem Understatement, „vielleicht mit den Enkelkindern schwimmen gehen“. Ruge hat zwei Kinder, die Berliner Verlegerin Elisabeth Ruge und Boris Ruge, der im Auswärtigen Dienst arbeitet, sowie vier Enkel.

Hält Journalismus jung? „Nicht unbedingt“, sagt er. Dabei ist er der lebendige Beweis, und mit dem Rauchen hat er nach 60 Jahren auch aufgehört. Sicher arbeite er weniger als zu Korrespondentenzeiten, doch „es kommt eine ganze Menge zusammen“. Er dreht Filme, schreibt Bücher, hält Vorträge, sitzt in Jurys. Gerd Ruge ist einer der beiden einzigen aktiven Rundfunkjournalisten in Deutschland, deren berufliche Karriere noch vor der Gründung der beiden deutschen Staaten im Jahr 1949 begann. Der andere ist Peter Scholl-Latour. Ihre Ausbildung begannen sie 1948, noch vor der Währungsreform. Ihre Karriere währt länger als D-Mark, DDR und Kalter Krieg. Seine ersten Artikel schrieb Ruge für eine Jugendzeitschrift namens „Benjamin“ im Jahr 1946.

Nun ist aus Ruge, pardon, ein Methusalem geworden. Aber das Wiedersehen bereitet immer noch Freude, auch weil er so bemerkenswert uneitel geblieben ist – und das umso mehr, als das Fernsehen auf bisweilen krampfhafte Weise jung sein will. Ruge stellt einfachen Menschen einfache Fragen, begegnet ihnen mit Respekt und gibt vor der Kamera nicht den allwissenden Welterklärer. Er beobachtet, notiert, kommentiert beiläufig. Ein Reporter alter Schule, gewiss, aber nicht altmodisch, außer man hält Neugier und Ausdauer für unmodern. Das Beste ist: In seinen Reportagen ist trotz professioneller Routine nichts von geheucheltem Interesse zu spüren.

Seine Nachfolger haben es aber auch schwer. Fundierte Auslandsberichterstattung wird heutzutage, sieht man mal von Olympia-, Kriegs- und Katastrophenzeiten ab, leicht als störend empfunden. „Es ist einfach notwendig“, sagt Ruge, „dass im Fernsehen auch die Lage in der Welt detailliert geschildert wird.“ Mehrere Korrespondenten hatten zuletzt kritisiert, dass Auslandsthemen an den Rand gedrängt werden und dass Interesse und Fachkenntnisse in den Heimatredaktionen sinken. Auch Ruge sagt, in den vergangenen Jahren seien die Sender immer stärker zu einer „farbigen Berichterstattung“ übergegangen. Die Balance müsse wieder hergestellt werden, fordert er. „Der politische Kern muss erhalten bleiben.“ Es würde nicht schaden, wenn das Fernsehen auf seine jung gebliebenen Alten hört.

„Gerd Ruge unterwegs: Die Route des Bären“, 15 Uhr 35; „Hier und Heute: Gerd Ruge – in 80 Jahren um die Welt“, 18 Uhr 20; „Herzlichen Glückwunsch Gerd Ruge“ (Tina Hassel interviewt Ruge und zeigt Ausschnitte aus Reportagen der vergangenen Jahrzehnte), 23 Uhr 15, alle WDR

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