Medien : Alt war früher

Der „Report“ aus Mainz wird 40 und kämpft um seine Akzeptanz

Tilmann P. Gangloff

„Waren das noch Zeiten“, wird mancher Alt-Linke denken, wenn er dieser Tage die politischen Magazine der ARD sieht. Damals, als die Welt noch überschaubar war und sich Politik fein säuberlich in links und rechts aufteilen ließ, sorgten Sendungen wie „Monitor“ (WDR) und „Report“ (SWF) mit ihren Frontkämpfern Klaus Bednarz und Franz Alt dafür, dass den Altvorderen der CDU regelmäßig der Kamm schwoll. Beim konservativen „Report“-Pendant aus München konnten sie dann um so beifälliger nicken.

Das ist lange her. „Report“, erst vom Südwestfunk (SWF) aus Baden-Baden, heute vom Südwestrundfunk (SWR) aus Mainz, gibt es nun schon seit vierzig Jahren, und die Ära Franz Alt hat exakt die Hälfte dieser Zeit ausgemacht. Trotzdem klingt es wie eine kühle Distanzierung, wenn SWR-Fernsehdirektor Bernhard Nellessen, von 1998 bis 2003 „Report“-Moderator, Unberechenbarkeit fordert: Anders als früher sei „Report“ kein Magazin mehr, „in dem sich ein Moderator mit seinen persönlichen Hobbys auseinander setzen kann“.

Wo Alt noch gegen Atomkraft und Nachrüstung predigen konnte, will man heute „nach allen Seiten beißen“. Dass die Zuschauer nicht mehr in zweistelliger Millionenhöhe einschalten, hängt mit der veränderten Fernsehlandschaft und mit dem Wandel des Publikums zusammen. Das Interesse an aktiver politischer Meinungsbildung ist gesunken. In den ersten vier Monaten dieses Jahres hatte „Report Mainz“ im Schnitt knapp drei Millionen Zuschauer, und vermutlich ist die Redaktion froh darüber, dass es nicht noch weniger waren: Der Marktführer des letzten Jahres hat wie kaum ein anderes Magazin unter dem ARD-Versuch gelitten, den „Tagesthemen“ mehr Resonanz zu verschaffen. Deshalb mussten alle politischen Magazine auf ein Drittel ihrer Sendezeit verzichten.

Die Montagssendungen wurden außerdem von 21 Uhr auf 21 Uhr 45 verschoben, was sich als einigermaßen unglücklich erwiesen hat. Die Marktanteile sind zwar mit knapp zehn Prozent recht stabil geblieben, aber nach absoluten Zahlen hat „Report“ aus Mainz deutlich an Zugkraft verloren: Im ersten Drittel des Jahres 2005 waren es noch rund 400 000 Zuschauer mehr.

Natürlich darf „Report“-Moderator Fritz Frey als Chefredakteur des SWR nicht allein die Interessen seines Haussenders im Auge haben, weshalb er tapfer versucht, die Strukturreform als Erfolg zu verkaufen. Das allerdings fällt schwer: Die vorverlegten „Tagesthemen“ haben im Vergleich zum Zeitraum des Vorjahres magere 0,4 Prozent Marktanteile dazugewonnen. Frey sieht das trotzdem positiv und verweist auf die mangelnde Bewegungsfähigkeit des Publikums zu dieser umkämpften Uhrzeit. Was soll er auch machen, schließlich wird die ARD die Reform nicht zurücknehmen, nur weil einzelne Sendungen jetzt weniger Zuschauer haben. „Report“ ist ohnehin auf einem guten Weg, selbst wenn man in anderer Hinsicht anachronistisch ist: Der „Anchorman“ der Sendung ist traditionell ein Mann und Frey damit ein Fossil: Die Konkurrenz setzt auf Moderatorinnen.

Hinter den Kulissen aber zieht bei „Report“ seit Oktober 2003 eine Frau die Fäden. Freys Kompliment, die Redaktion habe sich auf die neuen Sendebedingungen „sehr gut eingestellt“, gilt daher in erster Linie Birgitta Weber. Eine stärkere Betonung des Reportagecharakters der Beiträge sowie die glossierende Kolumne „Lisas Welt2, in der eine Kinderstimme politische und gesellschaftliche Entwicklungen kommentiert, sind die sichtbarsten Veränderungen. Weber steht für eine modernere, klare Bildsprache.

„Report Mainz“ hätte sehr gute Karten, falls die ARD irgendwann die Zahl der politischen Magazine von sechs auf vier gesundschrumpfen sollte. In Sachen Recherchegehalt und Zitierhäufigkeit ist „Report Mainz“ Mitbewerbern wie „Fakt“ (MDR) um Lichtjahre voraus. Aber da die Magazine für die betroffenen ARD-Anstalten wie heilige Kühe sind, dürfte mit einer derartigen Reform so rasch nicht zu rechnen sein.

„Report Mainz“, 21 Uhr 45, ARD

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