Medien : Am Herdfeuer

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Tom Peuckert verrät, was Sie

nicht verpassen sollten

Wenn die Nächte endlos werden und der Nebel alle klaren Bilder schluckt, dann haben Gespenster eine gute Zeit. Unsere Altvorderen erzählten jetzt Gruselgeschichten am Herdfeuer, der Deutschlandfunk erwärmt uns zwei dunkle Monate lang mit einer Hörspielreihe namens „Schatten – Spiegel – Klone“. Eine Sammlung erlesener Gespenstergeschichten, ein Streifzug durch den höheren literarischen Horror, eine künstlerische Anatomie menschlicher Wahngebilde.

Gleich heute Abend steht ein Klassiker des Genres auf dem Programm: Dostojewskis berühmter „Doppelgänger“. Wie der kleine Beamte Jakow Goljadkin aus Petersburg an seiner eigenen Erbärmlichkeit irre wird. Wie Größenwahn und Angst, Bravheit und RacheFantasien sich im Hirn des armen Mannes so sehr verklumpen, dass er sich nur noch durch die Auto-Suggestion eines böswilligen Doppelgängers zu retten weiß. Titularrat Goljadkin, gesprochen von Ignaz Kirrchner, stolpert über viele Stufen in den Untergang. Natürlich nicht aus eigener Schuld. Es ist immer der andere, der unser Leben verdirbt. Auch wenn er uns wie aus dem Gesicht geschnitten scheint (Deutschlandfunk, 9. November, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

Ein berühmter Untergeher der Kulturgeschichte ist auch Senatspräsident Daniel Paul Schreber gewesen. Der Sohn des Schrebergarten-Schrebers, der als Kind mit eiserner Pädagogik umsorgt wurde. Der dann eine steile juristische Karriere machte, bis er als reifer Mann im Wahn versank. Auch er verwandelte sich in eine Art Doppelgänger seiner selbst. Kommunizierte mit erotischen Dämonen und wurde von astraler Energie gelenkt. Der Fall Schreber hat Freud sehr interessiert, die geschliffene Prosa des Senatspräsidenten kann man noch heute in jeder besseren Buchhandlung käuflich erwerben. Bei Radio Kultur gibt es dazu einen spannenden Themenabend. „Kopfzusammenschnürungsmaschine“ heißt ein Hörspiel von Wolfgang Röhrer, das dem Unheil väterlicher Autorität in Schrebers Leben nachspürt. Während Martin Burckhardts „Die Offenbarungen des Daniel Paul Schreber“ uns direkt ins Kopfinnere des prominenten Irren versetzt (Radio Kultur, 15. November, ab 21 Uhr, UKW 92,4 MHz).

Wer aber im November weder destruktiv noch wahnsinnig werden möchte, sollte sich einfach in gute Gesellschaft begeben. Die findet er auf jeden Fall bei der „Woche des Hörspiels“. Wie in jedem Jahr gibt es einen Wettbewerb ums beste deutschsprachige Hörspiel nebst opulentem Rahmenprogramm. Alles in den gut geheizten und hell erleuchteten Räumen der Akademie der Künste (Hanseatenweg 10, vom 10. bis 15. November, Wettbewerb ab 19 Uhr).

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