Medien : Am Puls von Jens Voigt

ARD und ZDF übertragen 104 Stunden lang die „Tour“ – und verkabeln die Fahrer

Thomas Gehringer

Die schlechte Nachricht zuerst: Rudolf Scharping fährt nicht mit. Anfangs gemeldet, steht der ehemalige SPD-Vorsitzende, der es nun sogar bis zum Präsidenten des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) gebracht hat, nicht mehr auf der Starter-Liste bei der „Star Tour mit Jörg Pilawa“ (ARD, 9. Juli, 18 Uhr 10). In der Pforzheimer Innenstadt werden sich Prominente wie Jeanette Biedermann, Barbara Eligmann, Roberto Blanco und Sven Hannawald in einer Bergprüfung, einem 300-Meter-Sprint und natürlich einem Endlauf messen. Die richtigen Radsportler haben zu diesem Zeitpunkt Deutschland schon wieder verlassen.

An zwei Tagen macht die Tour de France, die heute mit dem Prolog in Fromentine (ARD, 15 Uhr 05) beginnt, Station in Deutschland. Insgesamt 104 Live- Stunden werden ARD und ZDF in den kommenden drei Wochen von dem bedeutendsten Radsport-Ereignis der Welt berichten. Doch nicht nur der Kampf ums Gelbe Trikot dürfte spannend werden. Erstmals seit 1998 geht die ARD als unabhängiger Berichterstatter in die Tour-Berichterstattung: Die „Sponsoring-Partnerschaft“ mit der Telekom-Tochter T-Mobile, die auch den Rennstall mit Kapitän Jan Ullrich bezahlt, wurde Ende 2004 „in beiderseitigem Einvernehmen“ beendet. Außerdem hat ARD-Sportkoordinator Hagen Boßdorf seine Nebentätigkeiten für den Telekom-Konzern eingestellt.

Ein Neustart? „Wir haben uns immer frei gefühlt und hatten immer auch mal Stress mit T-Mobile“, sagt ARD-Teamchef Werner Zimmer. Boßdorf hat indes auf öffentliche Kritik zum Teil empfindlich reagiert. Zuletzt erwirkte er gegen die „Frankfurter Rundschau“ eine Richtigstellung. Gegen die Vorwürfe, Dopingsauereien klein zu reden und Ullrichs Gegner zu diffamieren, erwirkte er eine Unterlassungsverfügung. Eine kritische Berichterstattung zum offensichtlich anhaltenden Dopingmissbrauch im Radsport fällt beiden Sendern im Rahmen der Tour-Berichterstattung ohnehin schwer, denn sie wollen in erster Linie sportliche Begeisterung transportieren. Nur wenn Doping allzu offensichtlich ist, wird es zum Thema. „Wenn’s denn kommt, werden wir uns der Sache stellen“, sagt Zimmer. Er habe mit dem Sportwissenschaftler Professor Wilfried Kindermann verabredet, ihn bei Bedarf mit einzubeziehen.

Einen personellen Neuanfang jedenfalls hat die ARD nicht gewagt: Hagen Boßdorf wird wieder neben Routinier Herbert Watterott, der bereits das 40. Mal die Tour begleitet, am Mikrofon sitzen. Als Experten werden Marcel Wüst und Ullrich-Adlatus Rudy Pevenage zum Gespräch bei Monica Lierhaus gebeten. Sprinter Erik Zabel, von der T-Mobile-Teamleitung aussortiert, ziert sich noch. Er werde „wahrscheinlich nur das letzte Wochenende kommen“, sagt er. Ex-Weltmeister Rudi Altig soll wieder vor den Etappen seine alten Kumpel treffen. Es ist zu befürchten, dass er dies noch ausdauernder tun kann, denn im Ersten wurde die Vorlaufzeit vor Übertragungsbeginn auf 100 Minuten ausgedehnt. Durch „deutlich aufgestockte Technik im Startbereich“ soll mehr von der Atmosphäre und Hektik vor Etappenbeginn eingefangen werden.

Dem Publikum scheint’s recht zu sein. ARD und ZDF steigern Jahr für Jahr mit der Tour ihre Marktanteile am Nachmittag um das Doppelte bis Dreifache. Sie liegen im Durchschnitt zwischen 22 und 26 Prozent, in den Spitzenzeiten schalten 4,5 bis fünf Millionen ein. Jeder Zehnte allerdings interessiert sich vor allem für Land und Leute. Touristische Elemente sind deshalb ein Muss für die Sender, die noch bis 2008 (plus ein Jahr Option) die deutschen Fernsehrechte besitzen.

Häufiger zum Einsatz kommen sollen die bereits 2004 getesteten Messgeräte, die über Pulsfrequenz und Position einzelner Fahrer Aufschluss geben. Mit den Daten könnte theoretisch errechnet werden, ob und wann Ausreißer vom Hauptfeld eingeholt werden – vorausgesetzt, der Ausreißer trägt selbst ein solches Messgerät. Zehn bis 15 Fahrer werden bei jeder Etappe einen solchen Brustgurt umschnallen. Jens Voigt zählt laut Werner Zimmer fast in den ganzen drei Wochen dazu. Nur Lance Armstrong und Jan Ullrich, die sich natürlich nicht in die Karten gucken lassen, werden gewiss nicht darunter sein.

Das ZDF, für das Peter Leissl und Rolf Aldag kommentieren, ist außerdem stolz auf das virtuelle Fahrrad, eine aufwändige Computeranimation, mit der technische Details anschaulich erklärt werden sollen. Grundsätzlich will Teamchef Peter Kaadtmann jedoch die begleitende Renn-Berichterstattung nicht überfrachten. Auch die Kamera am Helm des Radprofis lehnt er ab. Dass jedoch im Radsport immer noch nicht möglich ist, direkt mit der Zieleinfahrt die Position und den Zeit-Rückstand des jeweiligen Fahrers einzublenden, hält er für dringend reformbedürftig. Vielleicht kann da Rudolf Scharping mal aktiv werden.

„Sportschau live“: Tour de France, Einzelzeitfahren, ca. 16 Uhr 35

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