Medien : American Beauties

Was treibt Frauen über 40 um, die im perfekten Vorort leben? Die US-Serie „Desperate Housewives“ zeigt es

Andrea Kaiser

Peng! Gleich zu Beginn des US-Serienhits „Desperate Housewives“ erschießt sich die Hausfrau und Mutter Mary Alice in ihrem gepflegten Eigenheim. Kurz zuvor hat sie noch pflichtbewusst die Waschmaschine angestellt und die Sachen aus der Reinigung geholt. Klarer Fall: Ehefrauen-Depression, hervorgerufen durchs äußerlich viel zu idyllische und innerlich sinnentleerte Vorortleben der oberen Mittelschicht. Klarer Fall?

Von Dienstag an lässt sich auf Pro 7 beobachten, dass in guten Fernsehserien wie im richtigen Leben fast nichts ist, wie es scheint. „Everyone has a little dirty laundry“, lautet das Motto der in den USA unter anderem mit zwei Golden Globes ausgezeichneten Serie „Desperate Housewives“. Die verzweifelten Hausfrauen sind neben der die Geschehnisse sarkastisch aus dem Jenseits kommentierenden Mary Alice vier Nachbarinnen. Die Freundinnen merken rasch, dass irgendwas nicht stimmt und machen sich daran, den wahren Gründen dieses Todes auf die Spur zu kommen. Dabei wird viel schmutzige Wäsche gewaschen – immer nur die der anderen, versteht sich.

Die sympathische Susan (Teri Hatcher) wird zugunsten der Sekretärin vom Ehemann verlassen und konkurriert mit der ortsansässigen Schlampe Edie (Nicolette Sheridan) um den neuen, allein stehenden Nachbarn. Die rothaarige Bree (Marcia Cross) ist in hausfraulicher Perfektion erstarrt. Ex-Karrierefrau Lynette (Felicity Huffman) fühlt sich vom stressigen Familienleben mit vier Kindern frustriert. Die intelligente Frau – der lebensechteste Charakter der Serie – schluckt Psychopillen und verpasst dem Ehemann aus Notwehr einen Kinnhaken, als er aufs Kondom verzichten will. Und das Ex-Model Gabrielle (Eva Longoria) ist von der Existenz als Deko-Frauchen eines Neureichen derart unerfüllt, dass sie sich den 17-jährigen Gärtner ins Bett holt: Um nicht, wie sie dem verblüfften Jungen post coitum erklärt, eines Morgens mit dem dringenden Bedürfnis aufzuwachen, sich das Hirn wegzupusten.

Betrug, Erpressung, Diebstahl, Prostitution – das und mehr verbirgt sich hinter den gepflegten Fassaden von Wisteria Lane, der Vorortstraße, in der die Serie spielt. Die Szenerie erinnert an die perfekten Höllen, die man aus Filmen wie „Truman Show“, „Stepford Wives“ und „American Beauty“ kennt. Rund 25 Millionen Zuschauer sehen in den USA sonntags dem Alptraum zu und bescheren dem schwer gebeutelten Sender ABC einen gewaltigen Überraschungserfolg. Nachdem die Serie in englischer Sprache fast zeitgleich in Deutschland beim Pay-TV-Sender Premiere zu sehen war, hofft nun Pro 7 mit einer eilig synchronisierten Fassung der schon vorab zum Kult erklärten Frauenserie an den Erfolg von „Sex and the City“ anzuknüpfen. Nach diversen Flops mit Reality-Shows hätte der Sender einen Hit dringend nötig. Ob das klappt? Einerseits sind Hausfrauen-Dilemma und Kind-Karriere-Klemme international, wenn nicht sogar besonders deutsch. Andererseits steckt „Desperate Housewives“ voller schwarzem – Humor, der hierzulande als besonders schwierig gilt.

Anders als PR-Strategen gern behaupten, ist die Serie denn auch keine Fortsetzung des Lebens der Städterinnen nach der „Sex-and-the-City“-Phase. Die Hausfrauen bei „Sex and the Suburbs“ („Newsweek“) sind um die 40 und haben zum Teil Kinder im Teenageralter. Das heißt: seit 15 Jahren tagsüber Küche statt Kolumne. Abends mit den Nachbarn Barbecue statt Bars. Und im Zweifel lieber Clogs statt teurer Haxenbrecher von Manolo Sowieso. Bildete die New Yorker Serie etwas vom demokratischen, großstädtischen Clinton-Amerika und seinen liberalen Idealen ab, so sind wir bei „Desperate Housewives“ mitten im Bush-Land angekommen. Wobei die konservativen Ideale bitterböse parodiert werden.

Weil die Satire in den 22 Folgen so deutlich im Vordergrund steht, ist die in den USA gelegentlich erhobene Kritik, die Serie preise überholte Hausfrauen-Ideale, schwer nachzuvollziehen. Umgekehrt ärgern sich konservative und christliche US-Kreise heftig über die angebliche Zersetzung von Familienwerten und über zu viel Sex. Natürlich sehen die TV-Heldinnen hier nicht wie abgerackerte Mütter und Fußbodenschrubberinnen, sondern fast immer ganz phantastisch aus. Und zeigen für männliche Zuschauer viel Haut.

Doch dem tieferen Realismus, der präzisen Beobachtung frustrierender Frauenleben tut der schöne Glanz keinen Abbruch, der die hochwertig produzierte Serie für Mann wie Frau so reizvoll anzusehen macht. Trotz Einbußen an Charme und Witz der Dialoge durch die Synchronisation funktionieren die meisten Gags sehr gut auf Deutsch. Zumal ein Teil der Komik fast ohne Sprache gelingt: Etwa wenn Lynettes hyperaktive Jungs Mary Alices Trauerfeier in eine Pool-Party verwandeln. Oder die brave Bree ihren Ehemann aus Rache für sein Scheidungsbegehren zum Röcheln bringt, indem sie dem Allergiker die für ihn gefährlichen Zwiebeln unter den Salat mischt.

So gräbt die amüsante Serie mit der schwarzen Seele Woche für Woche ein bisschen tiefer nach den Leichen in den übertrieben gepflegten Vorgärten und fördert dabei immer wieder neue, überraschende Facetten der scheinbar stereotypen Charaktere zu Tage. „Desperate Housewives“ vereint Elemente einer Hochglanzserie mit denen einer Soap Opera, eines Krimis, eines Melodrams, einer Comedy, einer bissigen Satire – und mengt immer wieder Szenen hinein, die viel authentischer wirken als jede Reality-Show.

Einfallen lassen hat sich das Ganze Marc Cherry, früher Autor für die „Golden Girls“, Anhänger der Republikaner und schwul. Er hatte große Schwierigkeiten, seine Idee, mit der er gleich gegen zwei TV-Tabus verstieß – Frauen über 40, glanzloser Alltag – an den Sender zu bringen. Wie gut, dass die Lage von ABC verzweifelt genug war, um etwas zu riskieren.

„Desperate Housewives“, ab Dienstag wöchentlich bei Pro 7 um 21 Uhr 15.Einen Report über deutsche Hausfrauen finden Sie heute auf der Seite S3.

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