Amerikanische TV-Komiker : Narrenfreiheit

„Daily Show“-Moderator Jon Stewart will den US-Wahlkampf zähmen. Doch er nimmt nicht nur Politiker, die sich peinliche Pannen leisten, aufs Korn. Jetzt greift er sogar selbst ins Geschehen ein.

Friedemann Diederichs[Washington]
Zum vertrauenswürdigsten Nachrichtenmann der USA wurde Jon Stewart bereits gewählt – und das als TV-Komiker. Jetzt organisiert er eine Demo für mehr Vernunft. Foto: AFP
Zum vertrauenswürdigsten Nachrichtenmann der USA wurde Jon Stewart bereits gewählt – und das als TV-Komiker. Jetzt organisiert er...Foto: AFP

Über verschlungene Pfade hat das Foto den Weg an die Öffentlichkeit gefunden. Es ist nicht gerade eine Aufnahme, die sich im familienfreundlichen Amerika als Plakat eignen würde, um Stimmen für die Wahlen zum Kongress am 2. November einzufangen. Das Bild zeigt Krystal Ball, eine Kandidatin der Demokraten für den Bundesstaat Virginia, auf einer Weihnachtsparty. Die Lippen der Parlamentarierin in spe umschließen einen Dildo, den sich ihr Ehemann auf die Nase geschnallt hatte.

Solche Fettnäpfchen können eine politische Karriere schnell implodieren lassen und sind deshalb für Fernsehkomiker gefundenes Fressen. Ganz besonders für Jon Stewart in seiner abendlichen „Daily Show“. Ein Freund verbaler Zurückhaltung war der 47-Jährige, der politische Nachrichten ironisch und sarkastisch auf dem „Comedy Central“-Kanal in die amerikanischen Wohnstuben transportiert, noch nie. Rund 1,9 Millionen Zuschauer erreicht er mit seiner Sendung normalerweise – derzeit schwimmt er auf einer noch größeren Popularitätswoge, getragen und begünstigt von einer nicht enden wollenden Faux-pas-Kette der Politiker im aktuellen Wahlkampf. Nicht nur von Demokraten wie der Nasen-Fellatio-Expertin Ball, sondern vor allem von den Newcomern der erzkonservativen „Tea Party“-Bewegung.

Nun hat „das Jahr der politisch Verrückten“ („Washington Post“-Kolumnist Eugene Robinson) Jon Stewart zu einem besonderen Projekt animiert. Er will ein Massenplädoyer für die Rückkehr zur Vernunft im politischen Alltag abhalten und ruft deshalb alle seine Fans am 30. Oktober, drei Tage vor der Kongresswahl, zu einer Großkundgebung nach Washington. Rund 250 000 Menschen erwartet er in der Hauptstadt an der „Mall“ nahe dem Lincoln-Memorial zu der Demonstration, die – so formuliert es der „New Yorker“ – „wie Woodstock werden soll, nur ohne Nackte und Drogen“.

Der liberale Komiker will damit einen bewussten Kontrapunkt zur „Restoring Honor“-Veranstaltung („Die Ehre wiederherstellen“) der US-Republikaner setzen, die Ende August mehrere hunderttausend Menschen an denselben Ort zog. Sein Kollege, der konservative Einpeitscher Glenn Beck vom Murdoch-Sender Fox News, hatte hier eine Klagepredigt gegen die Politik der Demokraten und gegen Barack Obama gehalten. Die Fans von Glenn Beck, allen voran die Ex-Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin als Ikone der „Tea Party“, brandmarken Obama ungeniert als sozialistisch geprägten Muslim und Gefahr für die Zukunft des angeblich dahinsiechenden Vaterlandes.

Dass Vernunft und Mäßigung in einem erbittert geführten und an Kuriositäten reichen Wahlkampf auf beiden Seiten des politischen Spektrums gelitten haben, daran lässt Stewart keine Zweifel aufkommen. Gerne stürzt er sich auf Fälle wie den in Kalifornien, wo das Demokraten-Lager des Gouverneurskandidaten Jerry Brown dessen Gegenspielerin, die Republikanerin und frühere Ebay-Chefin Meg Whitman, als „Hure“ bezeichnet. Ebenso auf das treuherzig-trotzige TV-Werbebekenntnis der „Tea Party“-Senatskandidatin Christine O’Donnell, trotz anderslautender Gerüchte in ihrer Jugend keinem Hexenkult gehuldigt zu haben. Auch knüpft er sich den republikanischen Gouverneurskandidaten aus New York, Carl Paladino, vor. „Crazy Carl“ wird dieser von den Medien genannt, weil er einem ungeliebten Reporter androhte, ihn kaltzumachen und nur Tage später erklärte, dass Homosexualität keine akzeptable Lebensoption sei.

Vor allem bei jungen Amerikanern mit Hochschulabschluss kommt Jon Stewarts Programm an – und vorwiegend bei Demokraten. Stewart bildet damit angesichts der zunehmenden Bedeutungslosigkeit von CNN auch ein Gegengewicht zum konservativen Fox-„Elefanten“ Bill O’Reilly, der die Senderdevise „Fair und ausgewogen“ täglich neu ad absurdum führt. Feindbilder mit Blick auf die Obama-Regierung zu schaffen, hat O’Reilly ängst allen journalistischen Ansprüchen übergeordnet.

In einer Erhebung des Nachrichtendienstes Bloomberg äußerten 37 Prozent aller Befragten, sie hätten eine positive Meinung von Stewart. Er ist für sie ein Meister der politischen Ironie, der erfolgreich einen Balanceakt absolviert: Politische Informationen durch Comedy und Humor zu transportieren, ohne die Zuschauer – wie es Fox praktiziert – bevormunden zu wollen. Eine Strategie, mit der Stewart 2010 vielleicht seinen Vorjahreserfolg wiederholen könnte: Von den Zuschauern zum vertrauenswürdigsten Nachrichtenmann der USA gewählt zu werden.

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