Medien : Andere Seiten für Chicago

Mit zwei neuen Zeitungen kämpfen Verlage um junge Leser

Antje Kraschinski

Wie bloß kriegt man junge Leute dazu, wieder Zeitung zu lesen? Seit Jahren fragen sich das Verleger und Blattmacher. Und sie finden keine Antwort. Der Springer-Verlag wagte den letzten Versuch: „Extra“ hieß das Projekt, eine für die junge Generation kompatible Tageszeitung. Testmarkt waren Mannheim und Umgebung. Nach nur vier Wochen kam für „Extra“ das Aus. Es hat sich nicht gerechnet.

In Chicago versuchen jetzt gleich zwei Verlage, die Generation MTV an den Zeitungskiosk zurückzuholen. Nach einem regelrechten Wettlauf haben die beiden großen Tageszeitungen, „Chicago Tribune“ und „Chicago Sun-Times“, zeitgleich am 31. Oktober zwei neue Boulevardblätter auf den Markt gebracht. „RedEye“ (rotes Auge, spielt auf den verschlafenen Blick am frühen Morgen an) heißt das Produkt der Tribune; „RedStreak“ (in etwa: roter Blitz) heißt das vom Konkurrenten „Sun-Times“.

Große, bunte Fotos, kurze Stories: Beide Blätter sehen nahezu identisch aus. Auf den Titelseiten rangieren Basketballmeldungen weit vor der Nachricht, dass das irakische Parlament die UN-Resolution zur Waffeninspektion abgelehnt hat. Eine Online-Auktion von Elvis-Presley-Haaren wird zur Titelgeschichte, während die Weigerung der Russen das Betäubungsgas zu identifizieren, das 118 Menschen getötet hat, sich auf den hinteren Innenseiten wiederfindet. Wichtiger ist ein Feature darüber, dass Hunde gern Fernbedienungen verschleppen, oder eine Reportage über das Essen in der Universitätsmensa.

Beide Zeitungen erscheinen derzeit in einer Auflage von 100 000 Exemplaren. Ein Teil davon wird noch kostenlos verteilt, am Kiosk kosten sie jeweils 25 Cent.

„Unsere Zielgruppe sind die 18- bis 34-Jährigen“, sagt John Cruickshank, Chefredakteur bei „RedStreak“. Jene Zielgruppe also, die von den Marketingstrategen heiß umworben wird, denn junge Metropolenbewohner gelten als konsumfreudig und aufgeschlossen gegenüber neuen Produkten. Auch John Knowles von „RedEye“ gibt offen zu, dass das Zeitungsprojekt in den Chefetagen des Tribune-Konzerns nicht aus journalistischen Überlegungen entstanden ist: „In ,RedEye’ können jetzt auch die Unternehmen Werbung schalten, die gezielt junge Konsumenten ansprechen wollen und die wir bisher mit der Tribune nicht erreichen konnten.“

Viel Geld für Experimente

Die Gesamtauflage der konservativen „Chicago Tribune“ ist mit derzeit 628 000 Exemplaren zwar deutlich höher als die der „Sun- Times“ (487 000 Exemplare), aber nur weil sie auch das Umland stärker beliefert. Im City-Bereich liegen beide Zeitungen ungefähr gleich auf. Die Tribune Company gehört zu den reichsten Verlagshäusern der USA. Der Mediengigant besitzt zwölf Tageszeitungen, 24 Fernsehanstalten, elf Radiostationen und zahlreiche Internetportale. Trotz schwacher Konjunktur konnte in den letzten zwei Jahren die relativ hohe Gewinnspanne von 16 Prozent erreicht werden. Ein gutes Polster, um weitere Märkte zu erschließen.

Mit aufwändigen Kampagnen wird für „RedEye“ geworben. Ganze Züge der innerstädtischen Line durch den Loop sind mit „RedEye“-Werbung überzogen. PR-Frau Patty Wetli ist besonders stolz auf die „sprechenden Zeitungsständer“, die Besucher von Bars und Restaurants auf dem Weg zu den Toiletten mit elektronischer Stimme auffordern, doch mal ein „RedEye“ zu lesen.

Gedrucktes Fernsehen

Die aggressive Strategie des Tribune-Konzerns brachte die „Sun-Times“ in arge Bedrängnis. Das Konzept für „RedStreak“ wurde in nur drei Wochen eilig zusammengeschustert, nachdem die Pläne der Tribune für eine neue Boulevardzeitung bekannt wurden. „Wir müssen uns verteidigen. Die ,Tribune’ ist in unser Geschäft eingedrungen. Mit ,RedEye’ hat sie nur ihr Format geändert, wir dagegen waren mit der ,Sun-Times’ schon vorher eine Boulevardzeitung“, sagt John Cruickshank.

Auch die „Sun-Times“ gehört zu den zehn größten Tageszeitungen in den USA und kann acht Pulitzer Preise vorweisen. Das Mutterhaus aber, die Hollinger International mit Zeitungen in den USA, Kanada, England, Costa Rica und Israel, machte im letzten Jahr 375 Millionen Dollar Verluste. Auch wenn das Minus hauptsächlich durch Investitionen im Internet-Bereich zustande kam und alle Zeitungen profitabel arbeiten – viel Raum für Experimente bleibt nicht. Trotzdem meint Cruickshank: „,RedStreak’ wird es so lange geben wie es ,RedEye’ gibt.“

Mary Nesbitt, Managing Director des Readership Institute an der Northwestern University, sagt, dass in den USA wie auch in Deutschland Internet und Fernsehen bei den Jungen heutzutage eine viel größere Rolle spielen als Zeitungen. „Dadurch haben die jungen Erwachsenen ganz andere Erwartungen an eine Zeitung. Die neuen Zeitungen in Chicago probieren, News anzubieten, die diese Gruppe besonders interessieren. Ich beobachte das mit großem Interesse.“

Ebenso aufmerksam dürften die deutschen Zeitungsverleger verfolgen, wie der Zeitungskampf in Chicago ausgeht. Sollte sich das Konzept als so erfolgreich erweisen wie der „Playboy“ und McDonalds, die auch in Chicago erfunden wurden und die Welt eroberten, kann die deutsche Generation Golf vielleicht auch bald mit journalistischem Fastfood rechnen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben