Anette Frier spricht über Trisomie 18 : „Eine Entscheidung fürs Leben“

Die Schauspielerin Annette Frier im Interview über ihre Rolle im ARD-Film „Nur eine Handvoll Leben“ als werdende Mutter eines Kindes mit der Erbguterkrankung Trisomie 18.

Abtreiben oder nicht? Annette Winterhoff (Annette Frier) erfährt im sechsten Schwangerschaftsmonat, dass der Fötus krank ist.
Abtreiben oder nicht? Annette Winterhoff (Annette Frier) erfährt im sechsten Schwangerschaftsmonat, dass der Fötus krank ist.Foto: WDR/Wolfgang Ennenbach

Frau Frier, Sie spielen in dem ARD-Film „Nur eine Handvoll Leben“ eine werdende Mutter, die erfährt, dass das ungeborene Mädchen an der Erbgutkrankheit Trisomie 18 erkrankt ist. Sie spielen diese ernste Rolle zurückhaltend.

Dieses Unterspielen als Stilmittel hatten Franziska Meletzky, die Regisseurin, und wir als Ensemble so verabredet. Man muss das auch selbst aushalten, weil man sich beim Spielen fragt: Ist das, was wir ausdrücken wollen, überhaupt noch sichtbar? Vorbild sind skandinavische Filme, in denen die Schauspieler wirklich eklatant unterspielen. Das hat in Deutschland nicht viel Tradition. Der traurige Spieler spielt traurig, der fröhliche Spieler spielt fröhlich. Und dazu werde ich auch oft angehalten als Schauspielerin. Für mich hat sich das Konzept hier bewährt, weil dadurch über die Strecke von 90 Minuten eine große Emotion entsteht.

Was ist der Subtext dieser Figur?

Dass diese Frau nicht unglücklich sein möchte. Natürlich hat sie zu kämpfen. Es gibt den äußeren Druck, weil die Eltern zu einem bestimmten Termin eine Entscheidung treffen müssen. Dann gibt es ganz viele innere Entscheidungen und die Frage, wie sie mit ihren Ängsten umgeht. Um diese inneren Kämpfe bestehen zu können, muss die Fassade nach außen sehr ordentlich bleiben. Das ist überhaupt meine Erfahrung mit existenziellen Situationen: Je enger der Weg wird, den man gerade gehen muss, umso mehr ist man um Haltung bemüht. Da macht man keine Schlenker mehr.

Es ist eine schwere Entscheidung, aber die Mutter ist im Grunde von Anfang an gegen eine Abtreibung, oder?

Ich fand das deswegen in Ordnung, weil der Mann sich anders entscheidet und wir zwei klare Positionen haben. Beide haben natürlich ihre Zweifel. Ich fand es aber gut, dass wir es vereinfacht haben, dass man diesen Widerspruch nicht permanent in einer einzigen Figur aufmachen muss. Das macht es plastischer.

Hinzu kommt, dass es eine Familiengeschichte ist: Annette hat große Probleme mit ihrer Teenager-Tochter. Haben Sie da Input gegeben, sich eingemischt?

Ich mische mich gerne ein, aber nur wenn ich mich einmischen muss. In dem Fall habe ich ein sehr klares und kluges Drehbuch von Henriette Piper bekommen, das den Weg schon vorgegeben hat. Wir haben nur wenige Szenen verändert.

Zum Beispiel?

Im Buch waren ursprünglich Rückblicke aus unbeschwerten Ehezeiten vorgesehen. Wir haben gemerkt, dass wir die nicht brauchen. Wir haben sie komplett rausgenommen und zwei Minuten Zeit gewonnen. Franziska Meletzky hat dann entschieden, stattdessen schöne, abstrakte und archaische Bilder über Leben und die Natur einzufügen.

Bei den Dialogen gab es eine Stelle, bei der man denkt, das könnte Annette Frier erfunden haben. Als Annette, gefrustet vom Streit in der Familie, ironisch zu sich selbst sagt: „Darf ich auch ins Internat, bitte?“

Ja, das stimmt auch! Wir wollten da etwas leichter aus der Szene rausgehen.

Gibt es eine Botschaft des Films?

Es gibt eine sehr offensichtliche Botschaft: dass es sich für die Familie gelohnt hat, diesen Weg durchzuhalten. Es ist ein Film übers Leben und nicht über den Tod. Ich kann – aus praktischer Erfahrung – übers Leben viel mehr erzählen als über den Tod. Das ist aber, bitte, nicht zu verstehen als: richtig oder falsch. Diese Geschichte endet dort, andere Geschichten enden anders.

Annette besucht in einer Szene eine andere Familie und begegnet einem Kind, das tatsächlich Trisomie 18 hat. Wie ist das zustande gekommen?

Der Kontakt entstand über den Selbsthilfeverein Leona e.V. Es grenzte ohnehin an ein Wunder, dass dies möglich war, denn das Kind war fast zwei Jahre alt, was sehr ungewöhnlich ist. Außerdem war es sehr krank, es stand auf der Kippe, ob es überhaupt an dem Tag dabei sein konnte. Und dann ist dieses Kind an dem Drehtag über sich hinausgewachsen. Es war total zugewandt, fit und wach. Der Vater war völlig baff. Das war für uns alle auch ein Zeichen, dass wir den richtigen Film drehen.

Gehören Sie zu den Schauspielerinnen, die ganz in der Rolle aufgehen und Schwierigkeiten haben, das abends nach den Dreharbeiten abzuschütteln?

Erster Teil: klares Ja, zweiter Teil: klares Nein. Bei diesem Film war es schwieriger als sonst, das alles abzuschütteln. Es ist halt schon etwas anderes, als „Die Truckerin“ zu drehen. Das ist wie beim Tauchen: Wenn man tief taucht, braucht man auch länger, um wieder nach oben zu kommen. So stelle ich mir das jedenfalls vor. Aber meine Kinder interessiert das abends überhaupt nicht, was ich vorher gemacht habe. Die holen einen sofort wieder in die Wirklichkeit.

War es trotzdem etwas Besonderes, einen solchen Film anzugehen, weil Sie die Diskussion über pränatale Diagnostik als Mutter auch persönlich beschäftigt?

Ja klar. Meine Einstellung hat sich während der Beschäftigung mit dem Thema auch geändert. Diese Fruchtwasseruntersuchungen in der Risikoschwangerschaft mit meinen Zwillingen wurden überhaupt nicht infrage gestellt: Zack, das wird auf jeden Fall gemacht, hieß es.

Wurden Sie gefragt?

Ich glaube, ich wurde gefragt, aber ich kam überhaupt nicht auf die Idee, die Tests nicht vornehmen zu lassen. Heute würde ich mich dagegen entscheiden.

Annette Frier spielt komische, patente Frauen – das gilt nicht mehr?

Das hat sich geändert, das stimmt. Das Vertrauen, mir diese Rolle zu geben, hat mich sehr gefreut, denn natürlich stellt man sich da klassischerweise eine sogenannte Tragödin vor. Es gibt diese Schubladen. Aber für mich ist das zum Glück seit ein, zwei Jahren kein Thema mehr.

Ist Comedy jetzt passé?

Nein, jetzt geht’s schon wieder. Aber Comedy ist eben nur ein Teil. Und je mehr ich das Thema losgelassen habe, desto leichter flogen mir andere Stoffe zu. Was man unbedingt will, bleibt oft schwierig.

Stimmt also, was Cordula Stratmann über Sie sagt: „Das ist ein Mensch, dem scheint die Sonne aus dem Arsch“?

Ich sag’s ungerne, aber: Ja. Stimmt!

Das Interview führte Thomas Gehringer.

„Nur eine Handvoll Leben“, ARD, Mittwoch, 20 Uhr 15.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben