Medien : Angela: Die Frau

Alice Schwarzer interviewt die CDU-Chefin

Caroline Fetscher

Zu diesem Gipfeltreffen musste es kommen. Auch wenn die stets an Luis Trenker erinnernde Männermetapher vom „Gipfel“ hier gar nicht so angebracht ist. In ihrer Eigenschaft als erste weibliche Kandidatin auf das mächtigste Staatsamt Deutschlands stellt sich Angela Merkel den Fragen der bekanntesten deutschen Frauenrechtlerin, Alice Schwarzer. Merkel unternimmt das sogar abseits der Fernsehhypes und Talkplaudereien, ja, in Schwarzers Hausblatt selbst, der inzwischen so modern und diskursiv gewordenen „Emma“. Allein diese Tatsache ist schon ein mutiger Schritt für eine Alpha-Frau in einer Partei, die sich mit derlei Emanzen-Ambiente schwer tut. Im selben Emma-Heft, das diesen Donnerstag erscheint, steht übrigens zu lesen, in Schweden wollten nun 27 Prozent der Frauen die neue feministische Partei wählen, und sogar 23 Prozent der schwedischen Männer.

Ja, wir hier sind weit von Schweden entfernt. Diesem Faktum sieht auch Merkel sich illusionslos gegenüber, und das schimmert durch die grundsoliden, protestantisch gefestigten Aussagen Merkels hindurch. Das von der SPD Erreichte „werden wir nicht rückgängig machen“, verspricht sie. Sie weicht nicht aus, sie hält Provokationen stand. Sie will nicht brillieren, sondern überzeugen, auf die Frage, die den Interviewtitel abgibt: „Warum sollen wir Sie wählen, Frau Merkel?“ Mit „Wir“ ist da ja die Gesamtmenge der potenziellen, weiblichen Stimmabgeberinnen gemeint. Und Merkel? „Wenn Sie mich wählen, sollen Sie mich natürlich wegen meiner Überzeugung und Konzepte wählen und nicht nur wegen meines Geschlechts.“ Moment, nicht – „nur“? Also doch: Auch wegen des Geschlechts, auch weil eine Frau zur Wahl steht, das insinuiert sie deutlich. Denn „dass ich als Frau an dieser Stelle stehe“, sagt sie, könnte „auch eine gute Botschaft für andere Frauen“ sein. Aber, kontert Schwarzer, meidet die Kandidatin denn nicht das Thema Frauen, wie der Teufel das Weihwasser? Nein, meint diese. Doch sei sie noch nie „so stark als Frau wahrgenommen worden, wie in den letzten Monaten“, und habe sich „im Gegenzug“ auch öffentlich zu ihrem „Frausein bekannt“. Wider die traditionellen Vorbehalte ihrer Partei gegenüber einer Kinderlosen, die sogar „aus Liebe geheiratet“ hat und zuvor einige Jahre in wilder Ehe verbrachte.

Merkel ist also für den „Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz“, sie hat das „Quorum“ in der CDU (die Frauenquote) anfangs abgelehnt, verhält sich jetzt offenbar großzügiger in dieser Frage, sie befürwortet die „Bestrafung der Freier von Zwangsprostituierten“ und die aller anderen Sexualdelikte.

Alice Schwarzer bleibt nicht viel Angriffsfläche, auch nicht, als sie ihr vorhält, das CDU-Wahlprogramm sei, wie Rita Süssmuth – ebenfalls in dieser „EMMA“ – kritisiert, allein von Männern verfasst. „Es trägt nun wirklich meine Handschrift, um es zurückhaltend zu sagen“, wehrt Merkel ab. Kein Thema, das sie nicht bedienen könnte. In Deutschland lebende Ausländerinnen müssen künftig Sprachkurse besuchten, das sei die Basis zur Integration. Ja, Lehrerinnen sollten, als Repräsentantinnen des Staates, kein Kopftuch tragen dürfen, nein, für Schülerinnen, als Privatpersonen gelte das nicht.

In der aktuellen Außenpolitik vermisst Merkel den Aspekt der Menschenrechte, insbesondere da die Konkurrenz auf den Weltmärkten, siehe Globalisierung, wichtiger werde. Dabei bleiben „Frauenrechte dann natürlich ganz schnell auf der Strecke.“ Auch „eine Kanzlerin Merkel hätte keine deutschen Soldaten in den Irak geschickt“. Allerdings will die Kandidatin den transatlantischen Partner Amerika nicht entfremden, und sie wünscht sich, dass Europa mit einer Stimme spricht.

Sie hat es nicht leicht. Selbst mit den weiblichen Wählerwünschen nicht. „Die einen wollen, dass ich mich für die Frauen einsetze. Die anderen haben aber so viele Vorurteile gegen Frauen in der Politik wie manche Männer. Und die erwarten, dass ich mindestens so gut agiere wie ein Mann. Was also tun?“ Schwarzer reagiert als Instant-Thinktank: „Am besten einfach das, was SIE richtig finden.“ Lakonisch konstatiert Merkel: „Genauso mache ich es.“

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