Medien : Angelika Unterlauf: Ihr Gesicht kannte jeder in der DDR, ihre Stimme auch

Robert Ide

Es gibt zwei Gedichte, die Angelika Unterlauf beeindruckt haben, damals in der DDR. Das eine ist das "Lied vom Klassenfeind" von Bertolt Brecht, das andere nennt sich "Westwind". Im ersten heißt es: "Und ich hatte kein Frühstück zu essen / Und andre, die hatten eins / Und so lernte ich doch noch alles / Vom Wesen des Klassenfeinds / Und ich lernte, wieso und weswegen / Da ist ein Riss durch die Welt / Und der bleibt zwischen uns, weil der Regen / Von oben nach unten fällt."

Das zweite Gedicht ist versöhnlicher: "Westwind stürmt und tobt / treibt Blüten von den Bäumen / Mutter Friedenslieder schreibt / Du mein Kind darfst träumen / Bist noch klein / Schlaf ein."

Der Kampf gegen den Klassenfeind, der Traum vom Westen. Passt das zusammen?

Angelika Unterlauf hat in beiden deutschen Staaten Erfolg gehabt. Zuerst als Arbeitermädchen aus der ostdeutschen Provinz, das zur bekanntesten Sprecherin der DDR-Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera" aufstieg. Danach als Reporterin, die sich bei Sat 1 durchsetzte. Zwei Leben in einem. Passt das zusammen? Unterlauf, inzwischen 53 Jahre alt, zuckt mit den Schultern. "Ich habe kein Bild von mir", sagt sie kühl.

Schon mit 23 Jahren war Angelika Unterlauf aus Dessau in die Hauptstadt der DDR gezogen, sie war schwanger. Sie moderierte erste Fernsehsendungen und hatte eine eigene Musikshow im Rundfunk: die "Notenbude mit Angelika", immer dienstags von 19 Uhr 10 bis 20 Uhr 30. Sie war ein Star, weit über ihre Heimatstadt hinaus. Nur in ihrer Familie, da war sie das schwarze Schaf. "Das war ein Kommunistenhaushalt", sagt sie heute. Hart klingt das aus dem Mund einer Frau, die 13 Jahre lang die Hauptnachrichten im SED-Staat vorgelesen hat.

Zwei Töchter brachte Angelika Unterlauf zur Welt. Als sie fast jeden Tag in den Adlershofer Fernsehstudios verbrachte, blieben die beiden oft allein im Pankower Plattenbau. Die Mutter hielt Kontakt per Telefon. Noch heute spricht sie fast täglich mit ihren Töchtern. Für Patricia, 29, und Franca, 24, würde sie alles tun. Freunde, sagt sie, hat sie nur wenige: "Von früher keinen einzigen."

Drei Männer haben ihren Aufstieg begleitet. Der erste kam vom Theater in Dessau. Er förderte ihr Schauspielstudium in Leipzig und ging mit ihr nach Berlin. Er ist der Vater von Patricia. Der zweite Mann kam vom Berliner Radio. Als sie ihn zwölf Wochen lang kannte, hat sie ihn geheiratet. Er ist der Vater von Franca. Und der dritte Mann? Der war als Tonregisseur beim Fernsehen beschäftigt. Doch über ihn möchte Unterlauf nicht sprechen. "Es gibt zu viel Vergangenheit in meinem Leben", sagt sie plötzlich. Es klingt distanziert, kühl.

Das ist ihre Art zu sprechen. Diese Abgeklärtheit hat sie berühmt gemacht. Verständlich und klar konnte sie die verschlungenen Sätze der DDR-Propaganda vortragen. "Der Generalsekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und Vorsitzende des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik, Erich Honecker, hat erklärt ..." Sprachliche Ungetüme hat sie aufgesagt - Abend für Abend. Doch Genossin Unterlauf leistete sich kaum Versprecher. Grammatikalische Fehler in den SED-Manuskripten, die ihre Sendeleitung nicht zu korrigieren wagte, berichtigte sie einfach beim Sprechen. Am nächsten Morgen standen die Meldungen dann im "Neuen Deutschland", unkorrigiert.

Angelika Unterlauf ist Perfektionistin. Schon mit 16 gewann sie den Rezitierwettbewerb der Jungen Talente der DDR. Sie wusste, wie sie sprechen musste. Und sie wusste, welche Gedichte aufzusagen waren. Sie gewann mit dem "Lied vom Klassenfeind" von Bertolt Brecht.

Aber es gab auch eine andere Seite. Mit vier spielte sie beim Betriebskabarett von Dessau mit. Ihr Stiefvater holte sie nachmittags aus dem Kindergarten auf die Bühne. Doch bei einer wichtigen Probe blieb sie hinter den Kulissen sitzen. "Ohne Publikum macht es keinen Spaß", sagte das störrische Kind. Ihr Stiefvater war konsterniert. Und abends las er ihr ein Gedicht vor: das vom Westwind.

Angelika Unterlauf sitzt an ihrem Schreibtisch in der Berliner Sat-1-Zentrale. Jeder Kugelschreiber hat seinen Platz. Ablagefächer, Zettelkästen und Briefständer warten geduldig auf geordnetes Papier. Mit Blick auf den renovierten Gendarmenmarkt recherchiert Angelika Unterlauf Beiträge für das Sat-1-Frühstücksfernsehen. Wenn sie eine Idee hat, schnappt sie sich ein Kamerateam und fährt los. Meistens ist sie im Osten unterwegs. Sie porträtiert fünf arbeitslose Fischer an der Ostsee oder eine 76-jährige Karate-Kämpferin aus Magdeburg. "Ich kann überall hingehen", erzählt sie, "immer werde ich freundlich begrüßt." Die Ostdeutschen haben sie nicht vergessen, auch wenn die Journalistin nicht mehr auf dem Bildschirm erscheint. Nur ihre Stimme erklingt aus dem Off.

Mit Herzblut ist Angelika Unterlauf dabei. Zuweilen sitzt sie vier Stunden im Schnittraum - für einen Zwei-Minuten-Beitrag. "Gucken Sie doch hin", mahnt sie, als sie das Ergebnis vorführt. "Haben Sie das gesehen?" Wenn kein klares "Ja" als Antwort kommt, spult sie zurück. Die Botschaft heißt: Ich tue das Richtige. Alle sollen das wissen.

Aber vermisst sie nicht das Nachrichtensprechen? Ist sie zufrieden, wenn sie einen "Fit & well"-Kurs über Rückenmuskeln dreht? "Ich mache jetzt meine eigenen Sachen", antwortet sie ohne Zögern, "ich lese keine fremden Texte mehr." Das ist deutlich. Und klingt doch wieder eine Spur zu hart.

Früher war Angelika Unterlauf ein Fernsehgesicht, bekannt wie Dagmar Berghoff im Westen. Obwohl kaum jemand ihre Sendung sehen wollte, wusste jeder, wer sie war. Frau Unterlauf trug die Parolen vor - schnell, korrekt, trocken. Als ob sie nichts mit ihnen zu tun hätte. Aber konnte sie wirklich auf Distanz gehen? "Es waren ja nicht meine Texte", sagt sie und blickt zur Seite, "ich war doch nur die Sprecherin." Sie habe eben mitgemacht - 13 Jahre lang, wie so viele.

Vielleicht hätte sie ja irgendwann den Bettel hinwerfen sollen? Als der Sozialismus dem Ende entgegentaumelte, feierte das Ost-Fernsehen noch den 40. DDR-Geburtstag mit Paraden und einem kranken Erich Honecker. In der "Tagesschau" liefen derweil Bilder von Protesten und prügelnden Sicherheitskräften. "Wenn es ganz schlimm gekommen wäre, hätte ich mich krank gemeldet", behauptet Angelika Unterlauf heute. Eine Meldung über die gewaltsame Auflösung der Leipziger Montagsdemonstration, versichert sie, hätte sie nicht verlesen. "Aber zum Glück blieb ja alles friedlich."

Angelika Unterlauf meldete sich nicht krank während des Umbruchs. Nur einmal nahm sie Urlaub, um in den Westen zu fahren. Kurz vor der Maueröffnung besuchte sie einen bayerischen Onkel, der ihr früher immer Kaffee gebracht hatte. Sie genoss es, durch die Kosmetikgeschäfte in Rosenheim zu schlendern. Doch sie blieb nicht. Am 4. November 1989 - dem Tag, an dem Hunderttausende auf dem Alexanderplatz demonstrierten - kehrte sie zurück. Und am nächsten Morgen saß sie wieder im Studio. Es habe eben Zwänge gegeben, meint Unterlauf. Sie harrte aus beim DDR-Fernsehen, bis sie gefeuert wurde. Am 2. Juli 1990, einen Tag nach der Währungsunion, war Schluss. "Wir können nicht mehr für ihre Sicherheit garantieren", beschied ihr der Chefredakteur. Sie packte ihr Schminkzeug zusammen und ging.

Danach trennte sich Unterlauf von ihrer Vergangenheit. Ihre Ost-Möbel verschenkte sie beim Umzug nach Charlottenburg, den Lada Samara verkaufte sie für eine Mark. Es ist nicht viel geblieben von ihrem ersten Leben.

Angelika Unterlauf hat einen Strich gezogen zwischen dem Gestern und dem Heute. Wenn sie von ihrer Dach-Veranda über das neue Berlin blickt, verspürt sie kaum noch Wünsche - "vielleicht ein paar neue Freunde und ein paar Monate in New York". Dorthin fliegt sie regelmäßig. New York klingt nach Freiheit und nach neuem Leben. Zur DDR fällt ihr dagegen nur eines ein: "Dort gab es nichts Schönes."

Sie sieht nicht mehr aus wie die DDR-Nachrichtensprecherin. Und wenn sie schnellen Schrittes über den Gendarmenmarkt läuft und dabei ihre Sonnenbrille aufsetzt, wirkt sie nicht wie ein Arbeiterkind aus der ostdeutschen Provinz. "Ich atme neue Luft", sagt Angelika Unterlauf und strahlt. Jeder soll merken, dass sie das Atmen genießt. Eigentlich gibt es nur eines, was die Luft verdicken könnte: die alte Zeit, in der es nichts Schönes gab - außer zwei Gedichten.

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