Medien : „Angriffslust und Augenmaß“

Springer-Chef Döpfner zieht Bilanz und träumt von der „Berliner Illustrirten“

Ulrike Simon

Springer sieht sich als „profitabelster deutscher Großverlag“ – zumindest „nach allen veröffentlichten oder bekannten Zahlen“ der Konkurrenz, sagte Vorstandschef Mathias Döpfner am Mittwoch bei der Präsentation der Bilanz 2005. Die Zahlen selbst sind seit Februar bekannt: Interessanter erschien, wie Döpfner die Entwicklung des Unternehmens in den vergangenen fünf Jahren nachzeichnete. Solange steht er an der Spitze des Verlags, so lange will er dort nach seiner jüngsten Vertragsverlängerung mindestens noch bleiben. 2001, als Döpfner antrat, erwirtschaftete Springer 198 Millionen Euro Verluste – 2005 erreichte der Gewinn den historischen Höchststand von 231 Millionen Euro. Das um Sondereffekte bereinigte Ergebnis (Ebita) stieg im selben Zeitraum von 33 auf 338 Millionen Euro, die Nettoliquidität von minus 135 auf plus 327 Millionen Euro. Binnen drei Jahren habe sich der Wert des Unternehmens „um fast zwei Milliarden Euro erhöht“.

Geld für Investitionen ist reichlich vorhanden. Dennoch warnte Döpfner nach dem Scheitern der Fernsehpläne vor zu hohen Erwartungen an eine zeitnahe Großakquisition: „Pro Sieben Sat 1 war eine besondere Gelegenheit. Wir brauchen hierfür keinen Ersatz.“

Sollten sich Kaufgelegenheiten ergeben, will sich Springer „konsequent opportunistisch“ verhalten. Opportunitäten winken aktuell in den Nachbarländern Polen und Frankreich. Jenseits des Rheins stehen die Frauen-, Fernseh- und Autozeitschriften von Emap zum Verkauf; jenseits der Oder, wo Springer die Nummer 2 im Markt ist, plant der skandinavische Mischkonzern Orkla Media den Rückzug vom Zeitungsgeschäft. Ob Springer allerdings bereit wäre, bei der Zeitung „Rzeczpospolita“ den polnischen Staat als Mitgesellschafter (49 Prozent) zu akzeptieren, ist fraglich. Wahrscheinlicher erscheint die Option, in Polen neben der profitablen Boulevardzeitung „Fakt“ eine weitere Zeitung nach dem Vorbild von „Welt Kompakt“ zu starten. Beides wollten weder Döpfner noch Auslands- und Zeitschriftenvorstand Andreas Wiele kommentieren. Stattdessen verwiesen sie auf den Start weiterer Lizenzausgaben bestehender Titel: von „Audio Video Foto Bild“ in Italien, „Auto Bild“ in Dänemark und „Computer Bild“ in Russland.

Auch im Inland reifen Zeitungs- und Zeitschriftenkonzepte. Die vor einem Jahr angekündigte und von „Welt“-Herausgeber Jan-Eric Peters entwickelte Tageszeitung für Kinder wird derzeit regional in einigen Familienhaushalten getestet. Die Zeitung wäre ausschließlich im Abo erhältlich und ist so konzipiert, dass sie in vier Varianten erschiene, also auf unterschiedliche Altersgruppen zugeschnitten.

Laut Wiele „wegen Pro Sieben Sat 1 ein wenig zurückgestellt worden“, sei der Plan einer Zeitschrift für ältere Zielgruppen. Die Entscheidung über die Konzepte – eines von der ehemaligen „Bunte“-Chefin Beate Wedekind, eines von „Hörzu“-Chef Thomas Garms – könne „bald“ fallen.

Schließlich bastelt Springer unter dem Arbeitstitel „Elbe“ an einer Zeitschrift für Produkttests , für die der Aufbau eines eigenen Labors notwendig wäre. Schwierig wären die Startbedingungen eines solchen Blattes insofern, als es sich durch Anzeigen finanzieren müsste und daher von vornherein im Vergleich zum Magazin der unabhängigen Stiftung Warentest ein Problem mit der Glaubwürdigkeit hätte.

Und dann ist da noch die „Berliner Illustrirte“, jenes traditionsreiche Ullsteinmagazin, das in der Weimarer Republik seine Hoch-Zeit erlebte. In einem Döpfner-Porträt der „Süddeutschen Zeitung“ hieß es gerade, der Vorstandschef träume davon, die „Berliner Illustrirte“ als wöchentliches Magazin wiederzubeleben. Derzeit existiert der Titel in Form einer Sonntagsbeilage der „Berliner Morgenpost“. Am Mittwoch sagte Döpfner nüchtern über seinen Traum: „Konkrete Pläne für ein wöchentliches Magazin in Deutschland gibt es nicht.“ Denkbar wäre aber, diese wunderbare Zeitschrift „als Zeitungsbeilage weiterzuentwickeln“.

Wachstum durch Neugründungen und Akquisitionen im deutschen und europäischen Printmarkt sowie das Profitabilisieren des bestehenden Geschäfts ist das eine Ziel. Das andere ist die Digitalisierung. Hier sieht sich Springer, verglichen mit den anderen deutschen Großverlagen, „am besten gerüstet“. Drei Strategien verfolge Springer auf diesem Feld: die Absicherung der Erlöse aus dem Rubrikengeschäft durch Angebote wie „Immonet.de“ und „Autobild.de“; der Markentransfer der Printtitel durch Online-Auftritte wie Welt.de; und der Aufbau neuer digitaler Geschäftsmodelle. Gemeint sind damit etwa die Provisionsgeschäfte aus dem Verkauf der „Volksprodukte“ von „Bild“. Darüber hinaus erwägt Springer ein eigenes Portal für Unterhaltungselektronik.

Von der Höhe der Investitionen hänge die Ergebnisentwicklung des laufenden Geschäftsjahrs ab, zu dem Döpfner keine genaueren Aussagen treffen wollte. Es gelte, die nächsten Jahre „mit Angriffslust und Augenmaß“ zu gestalten.

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