Medien : Angst vorm bösen Wolf?

Wie Politik und Promis auf „Bild“ in Berlin reagieren

Sonja Pohlmann/Yoko Rückerl/jbh

„Bild“ und „Bild am Sonntag“ wollen von Hamburg nach Berlin ziehen. Schon wird in der Hauptstadt diskutiert, ob sich damit die „Druckverhältnisse“ für Politik und Prominenz ändern, wenn die Reporter der Boulevardzeitungen auf Recherche gehen. Am lautesten begrüßt werden die neuen Akteure auf der Berliner Medienbühne von Hans-Hermann Tiedje, einst selbst „Bild“-Chefredakteur und heute Medienberater in Berlin: „Dieser völlig verpennten Stadt kann die Ankunft von ,Bild’ nur guttun“, sagte Tiedje dem Tagesspiegel. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) fürchtet keineswegs eine schärfere Beobachtung. „Ich fühle mich nicht bedroht, wenn ,Bild’ von Hamburg nach Berlin zieht. Es wird ja nicht so sein, dass ich künftig von doppelt so vielen Reportern wie bisher begleitet werde.“ Wowereit gilt nicht eben als medienscheu. Wolfgang Thierse (SPD), Bundestagsvizepräsident, ist „Bild“ gegenüber zurückhaltender. 2003 feierte er seinen 60. Geburtstag bei Brezeln und gespendetem Wein – nachdem die Zeitung gefragt hatte, wer die „Sause“ des damaligen Bundestagspräsidenten bezahlen werde. Dennoch bewertet auch Thierse einen Umzug des Boulevardblattes positiv: „Der ,Spiegel’ könnte sich am Umzug der ,Bild’ nach Berlin ein Beispiel nehmen und seine edle Distanz aus Hamburg aufgeben.“ Ein politisches Magazin gehört nach Thierses Ansicht in die politische Hauptstadt Deutschlands. Wowereit glaubt sogar, dass sich durch den Umzug die Qualität der „Bild“ verbessern wird: „Da ist noch Luft nach oben. Und es macht natürlich einen Unterschied, ob die Zeitung in Hamburg oder der vibrierenden Hauptstadt Berlin hergestellt wird.“ Auch Dirk Niebel, Generalsekretär der FDP, glaubt an einen positiven Effekt. „Wenn die ,Bild’ in Berlin präsenter ist, werden Politiker und Journalisten noch leichter ins Gespräch kommen. Das ist doch gut. Schließlich leben wir voneinander“, sagte er.

Für Medienexperte Jo Groebel leben „mindestens zwei Drittel der Prominenz auch von der Öffentlichkeit und haben Spaß an der eigenen Inszenierung“. „Bild“-Journalisten und die Akteure aus Politik und Showbiz werden in Zukunft noch öfter aufeinandertreffen. Dadurch werde auch der Weg vom Gerücht zur Realität kürzer, Affären wie die von Seehofer würden sicher eher entdeckt. „Es wird mehr ins Privatleben gehen“, meint Groebel.

Kürzlich musste Minister Horst Seehofer (CSU) hinnehmen, dass die „Bild“ über seine Affäre mit einer Geliebten berichtete. Dennoch glaubt Thomas Steg, stellvertretender Regierungssprecher, dass sich die Situation für Politiker durch einen Umzug der „Bild“ nach Berlin nicht verschärfen wird: „Die Grenzen zwischen der Berichterstattung über privates und öffentliches Leben von Politikern sind bereits verschwommen. Der Umzug der Regierung von Bonn nach Berlin war dafür viel wichtiger, als der Umzug von ,Bild’ nach Berlin sein wird."

Dass sich niemand kritisch über den Umzug äußert, zeigt vielleicht schon jetzt die kommende Macht der Boulevardblätter in der Hauptstadt. Und schließlich spielt es eine Rolle, wie weit der Prominente selbst am „Bild“-Karussell mitdreht. Friseur Udo Walz sagte: „Man kann als Prominenter auch in Restaurants gehen, die vielleicht nicht so trendy sind, bei denen man aber nicht erkannt oder gestört wird. Auf der anderen Seite hat ,Bild’ manche Promis ja auch groß gemacht hat. Sind sie dann aber bekannt, wollen sie plötzlich ihre Ruhe.“ Dies sei ein doppeltes Spiel. Die PR-Expertin Alexandra von Rehlingen sagte dazu: „Als Promi kann man sich gut vor ,Bild’ schützen: Wer konsequent nicht mit ,Bild’ spricht, bestes Beispiel ist Harald Schmidt, wird auch in Ruhe gelassen. Denn es gibt eine goldene Regel im Boulevard: Mach eine Homestory mit uns – und wir kommen wieder.“

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