Medien : Anke Last Night

Anke Engelke hört heute auf. Warum es so schwierig ist, in Deutschland eine Late Show zu machen

Harald Martenstein

Vor nicht allzu langer Zeit hat der Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen“, Frank Schirrmacher, in einem riesengroßen Alarmartikel vor der Machtergreifung der Frau im deutschen Fernsehen gewarnt. Christiansen, Illner, Maischberger…. nanu, das sind ja schon drei von denen, sterben die Jungs aus? Klopft in der Moderatorenbranche das Matriarchat an die Tür? Diese extrem steile These wurde in den Feuilletons einige Tage lang mit überraschender Ernsthaftigkeit diskutiert. Jetzt, beim Abgang von Anke Engelke als Nachfolgerin von Harald Schmidt, kommt die Musik plötzlich aus der entgegengesetzten Ecke. Engelke sei gescheitert, weil sie eine Frau sei. Weggebissen von den Fernseh-Machos! So stand es, offen oder auch zwischen den Zeilen, in einigen Artikeln.

In Wirklichkeit ist Anke Engelke zu etwa 99 Prozent daran gescheitert, dass sie eine schlechte Sendung gemacht hat. Die Witze waren meistens dumm. Die Pointen waren meistens platt. Die Tonlage, alles in allem, war nicht intelligent, sondern trashig, fast schon dumpf. Die Show war belanglos, kein Mensch redete über sie. Wenn eine Sendung in den tonangebenden Kreisen als irgendwie interessant oder wichtig gilt und gut ist fürs Senderimage, dann kann sie, in gewissen Grenzen und für eine bestimmte Zeit, auch einmal schwache Quoten überstehen. Bei Engelke stimmte weder das eine noch das andere, weder die Quote noch das Image.

Als die Krise nicht mehr weggeredet werden konnte, hat ihr der Sender das Studio verkleinert. Dieses Geld hätte Sat 1 besser für Autoren ausgegeben. Leute, die witzige Witze schreiben können, gibt es in Deutschland durchaus, nur haben sie halt nicht für Anke Engelke gearbeitet. Sie scheint Schwierigkeiten damit zu haben, ein starkes Team um sich herum zu versammeln. Das Gleiche wird über Angela Merkel gesagt. Trotzdem ist es kein spezifisch weibliches Problem.

Braucht man in Deutschland überhaupt eine Late Night Show? Lustige oder angeblich lustige Shows gibt es zu jeder Tageszeit in ausreichender Zahl. Auch an Talkshows fehlt es wahrlich nicht. Die Lücke, die es wirklich gibt, fällt einem auf, wenn man sich noch einmal ein paar Sekunden lang an die Harald- Schmidt-Show erinnert: Bei Schmidt war das Fernsehen plötzlich wieder, wie in den Anfangszeiten des Mediums, die große Welterklärungsmaschine. Harald Schmidt tat so, als verstehe er, wie das Leben funktioniert. Er trat auf, als wisse er auf alles eine Antwort. Diese Pose beherrschte er perfekt. Der Apparat, mit dem wir versuchen, die Welt zu verstehen und zu ordnen, heißt „Kultur“. Fernsehen war also wieder Kultur. Fernsehen war relevant, oder wirkte zumindest so.

Bei Harald Schmidt hat die deutsche Late Night Show überraschenderweise eine ähnliche Funktion erfüllt wie die Dritten Programme in den sechziger, siebziger Jahren: Fernsehen mit Bildungsauftrag, für diejenigen, die Fernsehen eigentlich verachten, oder die es nicht brauchen. Sie müssen morgens nicht allzu früh aufstehen, sie waren vielleicht im Theater oder im Kino. Anschließend schauen sie die Late Night Show. Sie sind anders als die Bildungsbürger der Vergangenheit, sie wollen sich amüsieren und haben nichts gegen ein paar Zoten oder eine Prise Trash, nur muss dabei klar sein, dass es sich um ein Zitat handelt, sozusagen um eine Zote in Anführungszeichen. Anke Engelke hat die Anführungszeichen weggelassen. Das war nicht schlau.

In den USA sind die Late Night Shows ein Reservat für Ironie und Sarkasmus, die im übrigen Programm eher selten vorkommen. In Deutschland war die Schmidt-Show unter anderem ein Reservat für Intelligenz. Dafür gibt es ein Publikum, kein riesiges, aber ein ausreichendes, vor allem am späteren Abend. Es ist sehr sonderbar, dass niemandem bei Sat 1 das Intelligenzdefizit von Anke Engelkes Show aufgefallen ist.

Um ihre persönliche Zukunft muss man sich vermutlich keine Sorgen machen. Der Marcel Reich-Ranicki der deutschen Medienkritik, Lutz Hachmeister, hat vor ein paar Tagen daran erinnert, dass auch ein Thomas Gottschalk mit einigen seiner Formate auf die Nase gefallen ist. Außerdem sagt Hachmeister, dass „eine bissige, politische Late Night Show mit einem dafür befähigten Akteur immer funktionieren“ wird. Das Schicksal der Sendeform hänge nicht an Schmidt oder Engelke, alles andere wäre provinziell.

Aber wer, bitte sehr, könnte es machen? Es fällt einem so schnell niemand ein, den man jeden Abend sehen möchte. Wie soll es noch gleich sein? Bissig und politisch? Zwischen den unpolitischen, gelegentlich brillanten Comedians vom Schlage Bastian Pastewka oder Kaya Yanar und den politischen, aber oft nur in Maßen witzigen Kabarettisten wie Bruno Jonas oder Georg Schramm hat sich die große deutsche Humor- und Sinn-Lücke aufgetan. Das Besondere an den amerikanischen Late-Night-Größen und an Schmidt ist es, dass sie zwar einen unverwechselbaren eigenen Stil besitzen, aber keine Haltung, auf die man sie festlegen könnte. In Deutschland haben wir auf der einen Seite die Ersatzleitartikler mit allerbesten Haltungsnoten, auf der anderen Seite die anarchistischen Spaßmacher, und kein Brücklein führt von hüben nach drüben. Als Anke Engelke versuchte, politisch zu werden, war sie nicht mehr komisch. Ein Roger Willemsen mit Humor, ja, das wäre es vielleicht. Aber so etwas gibt es nicht.

„Anke Late Night“: 23 Uhr 15, Sat 1

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