Medien : Anna Lindh: Die Ministerin und ihr Mörder

Hannah Pilarczyk

„Mensch Bo, wie kannst du überhaupt aufrecht stehen?“, fragt sich Bo Holmberg laut und blickt ins Leere. Holmberg ist der Ehemann von Anna Lindh, der schwedischen Außenministerin, die am 10. September 2003 erstochen wurde. Ein Jahr nach der Tat zeigt Arte den Film „Ein Tag mit Folgen – Anna Lindh und ihr Mörder“. Die Autoren Joakim Demmer und Max Thomas Mehr zeichnen darin nach, wie sich die Wege der beliebten Politikerin Lindh und ihres geistig gestörten Mörders Mijailo Mijailovic kreuzen konnten.

Warum war die Außenministerin ohne Personenschutz unterwegs? Warum wurde ein psychisch kranker Mensch gegen seinen Willen aus der Therapie entlassen, obwohl er bereits seinen Vater mit einem Messer attackiert hatte? Sagt das etwas über den Zustand des Landes Schweden aus? Mit diesen Fragen machen sich die Autoren auf die Suche nach den Verbindungen zwischen den Leben von Lindh und Mijailovic. Wie in Andreas Veiels famoser Dokumentation „Blackbox BRD“ (2001) bauen sie ihren Film als Doppelbiografie auf. Veiel hatte die Lebensläufe des RAFTerroristen Wolfgang Grams und des Deutsche-Bank-Chefs Alfred Herrhausen ineinander geblendet. Da Herrhausen und Grams politische Menschen waren, die auf jeweils eigene Art auf dieselben gesellschaftlichen Ereignisse reagierten, entstand in der Schnittmenge der beiden Leben auch ein Porträt der alten Bundesrepublik.

Für den Mord an Anna Lindh als politische Tat gibt es keine Beweise. Mijailo Mijailovic erscheint in dem Film als isolierter Mensch, den weder politisch noch persönlich etwas mit der Außenministerin verband. Gerade in der fehlenden Verknüpfung der beiden Leben zeigt sich aber, welche Extreme sich in der schwedischen Gesellschaft auftun können. Auf der einen Seite ist da die Politikerin Lindh, die ein Leben voller Optionen lebt. Auf der anderen Seite der Migrant Mijailovic, der nie selbstständig eine Entscheidung treffen konnte.

„Ein Tag mit Folgen – Anna Lindh und ihr Mörder“, Arte um 21 Uhr 35

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