Anna Politkowskaja : Die Unbestechliche

Der Film „Ein Artikel zu viel“ erinnert an die ermordete Journalistin Anna Politkowskaja. Sie wurde im Oktober 2006 erschossen.

Thomas Gehringer
politkowskaja
Ein differenziertes Porträt der mutigen Journalistin zeigen 3sat und ARD. -Foto: MDR

Der Mörder von Anna Politkowskaja und seine Auftraggeber sind noch nicht gefunden – sofern man sie denn in Russland wirklich sucht. Einige Verdächtige wurden festgenommen, ein Teil davon wieder freigelassen. Anklage wurde bisher nicht erhoben. Am 7. Oktober 2006 war die Journalistin im Treppenhaus auf dem Weg zu ihrer Wohnung erschossen worden. Ihr Todestag ist zugleich der Geburtstag von Wladimir Putin. Die 48-jährige Politkowskaja war eine der wichtigsten kritischen Stimmen Russlands, integer und unbeirrbar berichtete sie in der „Novaja Gaseta“ über die Opfer des Kriegs in Tschetschenien. Ihre Prominenz hat sie gleichwohl nicht geschützt. Wer gab den Befehl zum Mord? Wer wusste davon? „Wir werden kämpfen. Ich werde mit den Auftraggebern abrechnen“, sagt Ilja Politkowskij, der Sohn des Opfers, in Eric Bergkrauts Dokumentarfilm „Ein Artikel zu viel – Anna Politkowskaja und das System Putin“, der heute ungekürzt auf 3sat zu sehen ist.

Vor den Präsidentschaftswahlen in Russland am 2. März legen sich öffentlich-rechtliche Sender mächtig ins Zeug. ARD-Korrespondent Thomas Roth reportiert täglich von seiner Winterreise, auch ZDF-Kollegin Britta Hilpert liefert mehrere Filme. 3sat und Arte beginnen heute Schwerpunktreihen mit Dokus, Reportagen und Spielfilmen, Phoenix wird am 2. März ausführlich über die Wahlen berichten, bei denen Putin mutmaßlich von seinem Gefolgsmann Dmitrij Medwedew abgelöst wird. Mit Bergkrauts filmischem Gedenken an Anna Politkowskaja wird die Phase der Vorberichterstattung angemessen eingeläutet. Der unter anderen vom Schweizer Fernsehen, 3sat, RBB und MDR produzierte Film wird in 3sat in der Originallänge von 83 Minuten gezeigt.

Schön, dass er außerdem noch im Ersten zu sehen ist. Weniger schön, dass ab 23 Uhr 30 nur eine 45-minütige Fassung gezeigt wird. Man hätte ja zugunsten des kompletten Films auf Teile des folgenden Nachtprogramms verzichten können, etwa auf die Wiederholung der 557. Folge von „Sturm der Liebe“ (ab 3 Uhr 30, aber lieber werden in der ARD Dokumentarfilme zerstückelt. Frei nach dem Motto: Um die Zeit schläft das Publikum sowieso ein).

Bergkraut nutzt das Privileg, über umfangreiches, zu Lebzeiten von Anna Politkowskaja gedrehtes Material zu verfügen. Zugleich befragt er Familienmitglieder, neben Sohn Ilja auch die Schwester, die Tochter und den Ex-Mann, außerdem Weggefährten wie Dimitrij Muratow, Chefredakteur der Zeitung „Novaja Gaseta“, für die Politkowskaja schrieb. So entsteht trotz gelegentlich pathetischer Anflüge ein differenziertes Porträt, das auch die für ihre Umgebung anstrengenden Seiten dieser unbestechlichen, mutigen Frau nicht verschweigt. Man sieht Politkowskaja bei Recherchen in Tschetschenien, in der Moskauer Redaktion und bei einem Aufenthalt in der Schweiz. Dass sie überhaupt noch lebe, „ist wirklich ein Wunder“, sagt sie wenige Monate vor ihrer Ermordung. Bergkrauts Film erzählt von der Macht der Geheimdienste und dem Klima der Angst in Putins Russland.

Nur bedingt Hoffnung machen auch die Filme von ZDF-Korrespondentin Britta Hilpert. Immerhin: Sowohl in „Diese Lust, sich zu verbiegen“ (25. Februar, 3sat, 21 Uhr) als auch in „Russlands neue Zensur“ (29. Februar, Phoenix, 19 Uhr 15) begegnet man der jungen Jelena Kostjuschenko, die ebenfalls für die „Novaja Gaseta“ schreibt. Motiviert, als Journalistin zu arbeiten, haben sie die Artikel von Anna Politkowskaja.

„Ein Artikel zu viel – Anna Politkowskaja“, 20 Uhr 15, 3sat; gekürzte Fassung 23 Uhr 30, ARD

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