„Anne Will“ : Pflüger sieht rot-rot

Unerträglicher Einspieler: Friedbert Pflüger sieht die Berliner CDU bei "Anne Will" in den Dreck gezogen und fordert die Entlassung der Moderatorin. Die Redaktion kontert, Petra Pau lästert.

Joachim Huber
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Klaus Wowereit zu Gast bei Anne Will. -Foto: NDR

Das hat ihn nicht frohgemacht. CDU-Mann Friedbert Pflüger saß am Sonntag vor dem Fernseher und sah im Fernsehen seinen SPD-Kontrahenten Klaus Wowereit. Der war Gast bei der ARD-Talkshow „Anne Will“ zum Thema „Alles auf Rot – warum nicht mit den Linken?“. Zunächst sagte Will, „dass man mit der Linkspartei erfolgreich Politik machen kann, das weiß der Chef der einzigen rot-roten Koalition in Deutschland, der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit.“ Es folgte der Einspielfilm. Zitat daraus: „2001 ist Berlin total pleite und dank des Bankenskandals astronomisch verschuldet. Runtergewirtschaftet hat die Stadt eine große Koalition unter Führung der CDU. Kurz darauf kommt die rot-rote Koalition, erbt 60 Milliarden Schulden und führt Berlin auf die Erfolgsspur. Ausgerechnet Rot-Rot spart eisern.“ 2007 schaffe Berlin tatsächlich ein Haushaltsplus von einhundert Millionen Euro.

Am Montagmorgen schrieb der CDU-Fraktionsvorsitzende Pflüger mit Dampf einen Brief an Anne Will via Norddeutscher Rundfunk, der für diese Talkshow in der ARD verantwortlich ist. „Der Einstieg in Ihre gestrige Sendung, der sogenannte ,Einspieler’, war unerträglich. Er beruht nicht nur auf Einseitigkeit (an die man sich gewöhnt hat), sondern auf Falschinformationen bzw. Unwahrheiten.“ In „Wahrheit“ habe der Schuldenstand Berlins am Ende der großen Koalition rund 36,5 Milliarden Euro betragen, „unter Wowereit sind bis 2007 ca. 22 Milliarden Euro hinzugekommen“. Friedbert Pflüger kommt zu dem Schluss, „auch die übrigen Zahlen, die gemachten Interviews verfolgen ein Propagandaziel: Rot/Rot ist super.“ Mit Journalismus habe das alles wenig zu tun, das sei Ideologie und Liebedienerei.

In der „Bild“-Ausgabe vom Dienstag forderte Pflüger Konsequenzen. „Anne Will“ sollte durch den ARD-Talk „Hart aber fair“ mit Frank Plasberg ersetzt werden. Die Moderatorin habe nicht gehalten, was sich viele versprochen hätten. „Als Mitglied des Rundfunkrates des RBB Berlin werde ich mich für eine Ablösung von Frau Will einsetzen“, sagte der CDU-Politiker.

Zwischenstand: Ein wenig unglücklich ist die Formulierung „RBB Berlin“ schon, alldieweil nur eine Zweiländeranstalt für Berlin und Brandenburg existiert und keine Teilanstalt für Berlin. Zudem kann Pflüger als RBB-Rundfunkrat kaum etwas reißen, da muss er sich an den verantwortlichen NDR wenden.

Nach Lektüre der „Bild“ am Dienstagmorgen kam die Berliner Redaktion von „Anne Will“ auf Touren. Geharnischt wurden Pflügers Vorwürfe, die Sendung zeichne sich „immer mehr durch Un- und Halbwahrheiten und bewusste Verzerrung von Sachverhalten aus“, zurückgewiesen. Zum kritischen Detail, nämlich Berlins Schuldenstand 2001, wurde mitgeteilt: „Wir haben im zitierten Beitrag nicht behauptet, dass der Schuldenstand im Jahr 2001 rund 60 Milliarden betragen hat. In der Tat hatte Berlin zu diesem Zeitpunkt Schulden in Höhe von rund 38 Milliarden Euro. Mit dem Wort ,erben’ beziehen wir uns aber auf die gesamten finanziellen ,Altlasten’ (als Folge beispielsweise der Bankenkrise), die die Vorgängerregierung dem neuen rot-roten Senat überließ, und nicht auf den Schuldenstand am Tag des Regierungswechsels.“

ARD-Programmdirektor Günter Struve blieb cool. Er sehe „überhaupt keinen Grund, die Sendung ,Anne Will’ am Sonntag aus dem Programm zu nehmen“, sagte er dem Tagesspiegel (siehe Interview). Petra Pau, Mitglied im Vorstand der Bundestagsfraktion Die Linke und deren Berlin-Beauftragte, ließ sich zur Ironie hinreißen: „Hoch lebe Friedbert Pflüger, der unfehlbare Vorsitzende des staatlichen Rundfunk-Komitees der CDU Berlin.“

Ob der kleine Sturm im Talkshow-Glas nicht Friedbert Pflüger zum Vorteil gereichen soll? Beobachter sagen, der Fraktionsvorsitzende durchschreite nach dem Nein zum Tempelhof-Volksentscheid ein tiefes Wahrnehmungstal. Da müsse er wieder raus, zumal er in der Stadt längst nicht so bekannt und präsent ist wie Klaus Wowereit. Und die Talkshow „Anne Will“? Steht plötzlich als schneidige Veranstaltung da, wo im Adlershofer Studio sonst doch so stille vor sich hin geplauscht wird.

Jetzt, da die Freundlichkeiten zwischen dem CDU-Mann und „Anne Will“ ausgetauscht sind, kann es pfeilschnell nach vorne, Richtung Showdown gehen. Friedbert Pflüger wird Gast bei „Anne Will“ – denn da war der CDU-Mann noch nie. Klaus Wowereit sitzt dann zu Hause und bekommt einen dicken Hals.

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