Anne Will : So ruhig wie beige

Der Bürger sitzt auf dem Betroffenheitssofa: "Anne Will“ ist gestartet - und das entschieden zu kuschelig.

Joachim Huber
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Anne Will mit ihren Premieren-Gästen Kurt Beck und Jürgen Rüttgers -Foto: dpa

BerlinNein, die Erde bebt nicht, als „Anne Will“ um 21 Uhr 45 im Ersten ihre Welturaufführung erlebt. Ist auch nicht notwendig, die politische Talkshow in Nachfolge von „Sabine Christiansen“ fängt, dauert 60 Minuten und ist um 22 Uhr 45 beendet.

Sieben Sekunden Vorspann, Kamerafahrt durchs rot-beige wie geräumige Studio auf Anne Will zu. Grauer Hosenanzug, kurze Begrüßung ins Publikum - „Wir freuen uns wahnsinnig“ – und rein in die Runde. Die Chefmänner (waren da nicht mehr Frauen versprochen?) in ihren Rund-Stühlen könnten in dieser Formation schon öfters zusammengesessen haben: SPD-Chef Kurt Beck, CDU-Vize Jürgen Rüttgers, Telekom-Boss René Obermann. Deutschlands bekannteste Protestantin, Landesbischöfin Margot Käßmann, sorgt für geistlich-weiblichen Beistand.

Aber Will und ihre Redaktion haben nachgedacht und das „Betroffenheitssofa“ kreiert. Das steht zwischen dem Profi-Block und dem Studiopublikum. Dort, auf dem weißen Möbel sitzt Kerstin Weser, Mitarbeiterin eines Call-Centers. Will steht auf und überwindet den Graben zwischen Regierenden und Regierter. Mit vier, fünf Fragen ist der Realitätscheck erledigt, Will kehrt funkelnden Auges in die Runde der Sesselsitzer zurück. Alle sind voller Bewunderung für Kerstin Wesers Einsatz, die für fünf Euro brutto in der Stunde arbeitet. Beck und Rüttgers gehen kurz in den Clinch, Obermann sagt, bei der Telekom bekäme Kerstin Weser das Doppelte. Das Thema der Will-Premiere ist das Thema des Jahres und dieser Republik. Massentauglich und quotenheischend. Offiziell: „Rendite statt Respekt: Wenn Arbeit ihren Wert verliert“. Inoffiziell: Wo bleibt in Deutschland die soziale Gerechtigkeit? Protestpotenzial ist da, und fürs Protestpotenzial fühlt sich am Sonntagabend jetzt Anne Will zuständig.

Sie will die Gerechtigkeitspolitiker der Großen Koalition – Rot-Sozi Beck und Schwarz-Sozi Rüttgers – in ihren Frageschraubstock zwingen, in dem René Obermann schon steckt. Der redet von Rendite, die sein muss, wenn Arbeitsplätze erhalten werden sollen. Die Politiker wollen Arbeit und Wohlstand für alle. Wie gehabt. Nach 20 Minuten hört sich „Anne Will“ wie ein Christiansen-Illner-Plasberg-Sampler an.

Es ist eine sehr ruhige, konzentrierte Diskussion. Wer auch sollte sich herausgefordert fühlen von Fragen wie die an die Bischöfin Käßmann: „Warum wird Arbeit nicht mehr wert geschätzt?“. Das ist doch arg ranschmeißerisch, falsch ist es zudem. Vielleicht bewegen sich die Erwartungen zu „Anne Will“ in die falsche Richtung: Eine politische Talkshow ist nicht Politik, sondern nur Politik im Rahmen des Talk-Fernsehens.

Trotzdem, in dem personellen Verlinken von Arbeitsalltag und politischer Gestaltung des Arbeitsalltags bekommt der Begriff „Respekt“ seine Rendite. Der Bürger sitzt mit am Tisch, er ist Teilnehmer. Da ist „Anne Will“ und Anne Will etwas gelungen. Die Politiker grübeln statt aufzutrumpfen, ihnen sitzt das Ausrufezeichen auf dem Sofa gegenüber. Ausweichen ist schwierig, denn die Gäste auf dem „Betroffenheitssofa“ eins und zwei werden fallweise eingeschaltet. Der Psychotherapeut Bernd Sprenger erklärt, dass Arbeit, Arbeitsdruck, die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes krank machen kann.

Je länger „Anne Will“ danach dauert, desto mehr verstärkt sich der Eindruck, dass die Moderatorin Einzelinterviews mit den einzelnen Gästen führt. Ein Gespräch, mehr noch: eine harte, punktgenaue wie weiterführende Diskussion will sich nur punktuell einstellen. Entschieden zu kuschelig, die Premiere. Will muss fordernder, herausfordernder werden. Aber das kann etwas werden. Anne Will arbeitet nicht Talk, sie hat das Format in der Hand, nicht umgekehrt. Die Beine bleiben Christiansen-like übereinander geschlagen. Ob das Instrument des Einspielfilms taugt? Das aufgeworfene Thema wird nur illustriert als dass es Vertiefung und Erweiterung erfährt.

Die Moderatorin will Kurt Beck immer wieder aus der Reserve locken. Denn eigentlich gehört der Ministerpräsident aus Deutsch-Südwest aufs „Betroffenheitssofa“. Jetzt, im einzigartigen Aufmerksamkeitskegel von „Anne Wills“ Auftaktsendung, müsste er deutlicher punkten, sich als „Mister Soziale Gerechtigkeit“ profilieren, den virtuell anwesenden Oskar Lafontaine vergessen machen. Allein, nach Becks Auftritt werden die Diskussionen innerhalb und außerhalb der SPD weitergehen.

Ein paar der 80 Millionen Deutschen werden die Premiere von „Anne Will“ verpasst haben. Sie werden fragen, wie’s denn so war. Hier die Antwort für den Smalltalk: „Nicht schlecht. Kann man wieder einschalten. Was gibt’s heute in der Kantine?“

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