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"Anne Will" zur Türkei : Wer spricht für Recep Tayyip Erdogan?

In ihrer einstimmigen Kritik am türkischen Präsidenten liegen sich die meisten Gäste bei Anne Will quasi in den Armen. Ein Erdogan-Versteher ist dringend nötig.

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Anne Will lud am Sonntagabend zum Talk über die Lage in der Türkei. Screenshot: daserste.de/Tsp
Anne Will lud am Sonntagabend zum Talk über die Lage in der Türkei.Screenshot: daserste.de/Tsp

Schon das zunächst gewählte Thema „Nach dem Anschlag von Nizza – Wie hilflos sind wir?“ für die ARD-Talkshow hätte eine Behandlung verdient gehabt. Denn wer fühlt sich nicht hilflos bis überfordert, wenn sich die Herausforderung durch Krisen und Katastrophen schier von Tag zu Tag erneuert? Tatsächlich musste „Anne Will“ auswählen: Massenmord in Frankreich oder Putschversuch in der Türkei mit hunderten Toten? Die Dimension des Geschehens in der Türkei ist größer, sie muss größer sein, wenn ein ganzer Staat ins Wanken kommt.

Die Redaktion von „Anne Will“ hatte sich bemüht, eine Runde zusammenzustellen, mit der die zahlreichen und unterschiedlichen Perspektiven erörtert werden sollten. Nicht zum ersten Mal zeigte sich dabei das Problem: Wer spricht für Recep Tayyip Erdogan? Da scheint es nur einen zu geben - Fatih Zingal, Rechtsanwalt, stellvertretender Vorsitzender der Union Europäisch-Türkischer Demokraten und Dauergast. Zingal sprach beim Scheitern des Putsches von einer „historischen Leistung der türkischen Bevölkerung“, von einer „Sternstunde der Demokratie“ - und mit Blick auf die Verhaftungswelle unter Richtern und Staatsanwälten von „Angehörigen einer Parallelstruktur“.

Fatih Zingal vertrat in der Sechserrunde als Erdogan-Versteher eine singuläre Position. Aber eine dringend notwendige, weil sich der CDU-Politiker Norbert Röttgen, die Rechtsanwältin Seyran Ates, der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir und General a. D. Harald Kujat quasi in den Armen lagen. Röttgen sprach von einer „Spaltung des Landes“, Ayres von einem Zweikampf zwischen Erdogan und dem islamischen Prediger Fethullah Gülen, Kujat sagte, die Reaktionen auf den Putsch seien weder rechtsstaatlich noch demokratisch. Es konnte schon der Eindruck entstehen, in Deutschland herrschten mindestens so feste und fertige Meinungen über die Türkei unter Erdogan, wie sie Erdogan über seine „Feinde“ - was anderes kennt er nicht – formuliert.

Moderatorin Anne Will war gut beraten, Zingal zwar nicht argumentativ beizutreten, wohl aber zu seinen Äußerungen und Standpunkten zu ermutigen. Anderenfalls wäre die Talkshow zu einem viel zu raschen und viel zu einstimmigen Urteil über den türkischen Staatspräsidenten und seine „Geistesgegenwart“, den militärischen in „seinen“ Putsch zu verwandeln, gekommen. Özdemir erinnerte daran, dass Erdogan viele Wahlstimmen bekommen habe und von einer starken, einheitlichen Opposition in der Türkei keine Rede sein könne.

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Erdogan weint bei Trauerrede
Erdogan weint bei Trauerrede

Anne Will lenkte klug und umsichtig von Aspekt zu Aspekt, von Blickwinkel zu Blickwinkel. Schnell stellte sich freilich heraus, dass diese Gesprächsrunde vor 3,62 Millionen Zuschauern erst der „Anfang einer Diskussion“ sein könne, wie die Moderatorin zum Schluss bemerkte. Einer wie der Militär Kujat hatte da schon heraustrompetet, dass die Türkei beim internationalen Kampf gegen den IS keine große Hilfe sei. Stimmt das, was hat die Luftwaffe dann in Incirlik zu suchen? 60 Minuten Talk sind eben nur der Anfang einer Diskussion.

Und die Diskussion muss auch darüber geführt werden: „Maischberger“ geht jetzt in die Sommerpause, „Hart aber fair“ weilt in ebendieser, Anne Will kündigte ihre nächste Sendung mit „irgendwann demächst“ an. Eine Welt in solcher Unruhe, mit Krisen und Katastrophen im Stundentakt, die braucht ein anderes Fernsehen, eines, das nicht so tut, als würde sich die Welt nach Sommerpausen und Urlauben in Deutschland richten. Die vergangenen Tage haben es dramatisch gezeigt: Wer nicht mit der Zeit sendet, der versendet sich mit der Zeit.

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