Medien : Anschein und Realität

Der RBB hat viel investiert in „Mensch Einstein“

Eckart Lottmann

Das ZDF hatte schon seinen „Großen TV-Schwerpunkt“ zum „Einstein-Jahr“, jetzt zieht die ARD nach: Die RBB-Dokumentation „Mensch Einstein“ ist, nehmen wir es vorweg, der ultimative Einstein-Film. Erzählt wird das Leben des überragenden Wissenschaftlers, von seinen Kindertagen bis zum Tod, informativ und unterhaltsam. Offensichtlich hat die RBB-Leitung diesen Film zur Chefsache erklärt. Albert Einstein, das Genie mit dem verblüffenden Witz, der Anti-Bürgerliche mit den ungebändigten Haaren, der Autoritäten-Schreck – das durfte einfach keine biedere Dokumentation werden, mit der immer gleichen Abfolge von Foto, Filmschnipsel und Expertenwort. Einstein dachte neu und nicht konform – so musste auch der Film über ihn sein.

So entstand wohl die zentrale Idee: Einstein wird präsentiert durch den Schauspieler Joachim Król, inszeniert durch den Filmregisseur Andreas Kleinert. Die dokumentarischen Teile des Films steuert Michael Strauven bei. Dass diese filmische Form neunzig Minuten trägt, hat mehrere Gründe. Zunächst einmal Król.

Joachim Król ist mehr als ein Ansager – er spielt. Król steht am alten Bahnhof in Caputh, wo Einstein einst lebte, wartet auf den Zug. Im nächsten Moment steigt er in New York aus einem Zug und erklärt das Prinzip von Raum und Zeit. Król erzählt, wie Einstein die Gesetze der Schwerkraft interpretierte und fällt von einem Hochhaus. Auf dem Pflaster liegend: „Das war natürlich nur im Kopf.“ Ein Spiel von Anschein und Realität, um ein Gedankengebäude zu veranschaulichen. Dann ist Król plötzlich die rechtsradikale Meute der Zwanzigerjahre in Berlin, die Einstein „jüdische Physik“ und „wissenschaftlichen Dadaismus“ vorwirft, ihn einen „undeutschen Vaterlandsverräter“ schimpft. Richtige Spielszenen, wie im Doku-Drama, sind das nicht – Król deutet nur an, spielt mit seiner Moderatoren-Rolle, erweitert sie probeweise.

Auch Michael Strauven nimmt sich Freiheiten. Er fängt nicht chronologisch an mit seiner Erzählung, sondern beginnt mit Einsteins gefeierter Aufnahme als Professor der Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin. Auf die schwierigen Anfänge des Genies kommt Strauven später zurück, findet ein gutes Verhältnis zwischen den wichtigen Stationen in Einsteins Leben und dem, was er privat dachte und tat.

Einsteins Erfolgskarriere als Wissenschaftler, die Emigration in die USA, Einsteins Kampf gegen den Krieg, seine problematische Haltung zur Atombombe – ein reichhaltiges, bewegtes Leben war das. Das Bild, das so entsteht, ist das eines Mannes, der nächtelang durcharbeiten konnte, um die Welt in Formeln zu fassen. Ein Mann, der das Verständnis von der Welt erweiterte. Die „Gesetze Gottes“ schien er „lesen“ zu können. Ein Mann, verehrt von Millionen, aber ein schlechter Vater. Nie mehr hat er seinen Sohn Eduard besucht, als der an Schizophrenie erkrankte. Frauen hat Einstein geliebt, bis ins Alter, doch mit seiner abschätzigen Meinung hielt er nicht hinter dem Berg. „Wir Männer sind jämmerliche unselbstständige Geschöpfe, das gebe ich jedem mit Freuden zu“, sagte er einmal. „Aber verglichen mit diesen Weibern ist jeder von uns ein König.“

Durch Sätze wie diese wird uns bewusst, dass Einstein aus dem 19. Jahrhundert kommt. Seine Ausstrahlung, sein bewusstes Einsetzen seiner Popularität für politische Zwecke wirken sonst überraschend modern. Einstein war ein Moralist, der wusste, was Medien brauchen.

Und die Medien brauchen heute wieder Einstein. Viel Geld hat der RBB ausgegeben für „Mensch Einstein“, gedreht mit zwei Regisseuren in Deutschland, der Schweiz und den USA. Eine umfangreiche Website (www.rbb-online.de/einstein) und das gleichnamige Begleitbuch (Nicolai Verlag) bieten Hintergrundinformationen, auch der RBB-Hörfunk macht auf Einstein. Einstein lässt sich gut vermarkten. Ende des Jahres werden wir den Namen nicht mehr hören können (wollen). Doch vorher sollten Sie „Mensch Einstein“ sehen. Das ist nämlich richtig gutes Fernsehen.

„Mensch Einstein“: ARD, Ostersonntag, 21 Uhr 55

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