Medien : Ansichten einer Behörde

Warum Kartellamts-Chef Ulf Böge die Übernahme der Zeitungsgruppe ablehnen will

Henrik Mortsiefer[Bonn]

Das Bundeskartellamt sieht bei einem Kauf des Berliner Verlags durch die Verlagsgruppe Holtzbrinck, zu der der Tagesspiegel gehört, den Wettbewerb auf dem Berliner Zeitungsmarkt massiv gefährdet. Wie Kartellsamtschef Ulf Böge am Freitag in Bonn erklärte, ist „das Vorhaben – so wie es angemeldet ist – nach dem Kartellrecht nicht genehmigungsfähig“.

Böge begründete die Abmahnung damit, dass Holtzbrinck nach dem Zusammenschluss „mit großem Abstand Marktführer auf dem Berliner Lesermarkt für regionale Abo-Tageszeitungen“ und bei den Stadtzeitungen „Tip“ und „Zitty“ wäre. „Das Unternehmen würde mit über 60 Prozent einen Marktanteil erlangen, der nahezu doppelt so hoch wie der des nachfolgenden Wettbewerbers Axel Springer Verlag ist“, sagte Böge mit Blick auf die Tageszeitungen. „Das kann der Wettbewerb nicht mehr kontrollieren.“ Springers „Berliner Morgenpost“ kommt nach Kartellamtsangaben in Berlin auf einen Marktanteil von 32,9 Prozent. Tagesspiegel (26,7 Prozent) und Berliner Zeitung (34,7 Prozent) kommen zusammen auf 61,4 Prozent.

Zwar würde Holtzbrinck auf dem Anzeigenmarkt auch nach der Übernahme keine führende Position erlangen. Diese behielte Springer mit einem Anteil von über 55 Prozent. Wegen des Zusammenspiels von Leser- und Anzeigenmärkten würden sich nach Auffassung des Kartellamts die Gewichte aber längerfristig zugunsten von Holtzbrinck verschieben. „Die so genannten Erstzeitungen lösen immer auch einen stärkeren Sog auf die Anzeigenkunden aus“, sagte Böge.

Nach Meinung des Kartellamts könnte Holtzbrinck nach der Zusammenführung von Tagesspiegel und „Berliner Zeitung“ seinen Vorsprung dadurch absichern und ausbauen, dass beide Zeitungen zum Beispiel bei den Anzeigen stärker im Sinne einer gemeinsamen Strategie auf Leser im Osten und Westen Berlins ausgerichtet werden. „Der Springer-Verlag mit der ,Berliner Morgenpost’ hat nichts Vergleichbares entgegenzusetzen", sagte Böge. Den Einwand, die „Morgenpost“ müsse zusammen mit der „Welt“ betrachtet werden, da Springer beide Redaktionen fusioniert habe, lässt Böge nicht gelten. „Trotz des relativ kleinen Berlin-Teils in der „Welt“/„Welt am Sonntag“ stehen diese eher mit anderen überregionalen Zeitungen im Wettbewerb als mit den Berliner Blättern. Da die drei Berliner Regionalzeitungen jeweils 80 Prozent ihrer Auflage in der Stadt Berlin verkauften, sei nur dieser Markt für die Wettbewerbskontrolle relevant. „,FAZ’“, ,Süddeutsche Zeitung’ oder ,Frankfurter Rundschau’ bieten den Berlinern aus wettbewerblicher Sicht keine Alternative“, sagte Böge.

Holtzbrinck könne hingegen mit Tagesspiegel und „Berliner Zeitung“ zwei Zeitungstitel unterschiedlich in Berlin positionieren und damit den Wettbewerbern die Gewinnung von Lesern deutlich erschweren. Von einem so genannten Substitutionswettbewerb durch Straßenverkaufszeitungen, der die marktbeherrschende Stellung Holtzbrincks relativieren könnte, geht das Kartellamt mit Verweis auf die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs nicht aus. „Da sind wir auf der sicheren Seite“, so Böge.

Auch die kartellrechtlichen Voraussetzungen für eine so genannte Sanierungsfusion, die vor Jahren zwischen „Kölnischer Rundschau“ und „Kölner Stadtanzeiger“ genehmigt wurde, liegen nach Auffassung des Kartellamts in Berlin nicht vor. Der Zusammenschluss von Tagesspiegel und „Berliner Zeitung“ könne nur dann als Sanierungsfusion genehmigt werden, wenn entweder die „Berliner Zeitung“ unverkäuflich gewesen wäre oder wenn nach einer Einstellung des Blattes sämtliche Marktanteile Holtzbrinck zufallen würden. „Da es neben Holtzbrinck aber weiterere Kaufinteressenten für die ,Berliner Zeitung’ gab, handelt es sich nicht um eine Sanierungsfusion“, sagte Böge. Der Kartellamtschef wies „in aller Deutlichkeit“ darauf hin, dass die Abmahnung noch keine abschließende Entscheidung der Wettbewerbshüter sei. „Nun ist es Sache der Unternehmen, unsere Bedenken zu entkräften“, sagte Böge.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben