Anspruch statt Quotenzwang : Experiment mit Hitler

Vox erklärt den 30. April 1945 – einen ganzen Tag lang. Warum der Privatsender Hitlers Todestag mit einem ungewöhnlichen Konzept dokumentiert.

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Spätestens seit Bernd Eichingers Führerbunker-Kinoerfolg „Der Untergang“ dürfte allgemein bekannt sein, dass der 30. April kein ganz normaler Tag ist, schon gar nicht der 30. April 1945. Russische Soldaten dringen in das Zentrum Berlins vor, Hitler erschießt sich, wird vorm Bunker verbrannt, deutsche Soldaten sind auf der Suche nach dem ungefährlichsten Weg für eine schleunige Kapitulation. Das ist genau 66 Jahre her, Grund genug für den Privatsender Vox, an diesem Samstag mit „Ein Tag schreibt Geschichte – der 30. April 1945“ ein ungewöhnliches Dokumentations-Konzept abzuwickeln: ein halber Tag lang Hitler, eine zwölf Stunden lange Dokumentation von 12 Uhr mittags bis Mitternacht zum Todestag des Diktators, dazwischen gibt’s ein wenig Werbung.

Aufklärung und Anspruch statt Quotenzwang, wer hätte das bei einem Privatsender gedacht. „Mit diesem im Fernsehen weltweit einzigartigen Programm wollen wir den Zuschauern die verschiedenen Aspekte eines Tages zeigen, der Geschichte geschrieben hat“, sagte Vox-Geschäftsführer Frank Hoffmann vor Wochen bei der Trailer-Präsentation in Berlin. Das Ganze sei „ein kleines TV-Experiment“, das am 10. September zum zehnten Jahrestag der Terror-Anschläge vom 11.9. wiederholt werden soll. Bei dem auch der Autor und Regisseur Alexander Kluge seine Finger im Spiel hat. Die Filme werden hergestellt von Kluges Firma dctp und Spiegel TV.

Inneneinsichten ins Nazi-Regime, vor allem auch in dessen Untergang, haben Konjunktur in Schrift und Bild. Für den neuesten Hitler-Beitrag wurden unter anderem Originaltöne von Hitlers Adjutanten Otto Günsche und seines Kammerdieners Heinz Linge bei ihrer Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft München im Jahr 1956 verwendet; Tonbänder aus dem „Todeserklärungs-Verfahren Adolf Hitler“, die leider nicht immer gut zu verstehen sind. Wenn man denn – neben dem überdramatisierenden Spiegel-TV-Ton – etwas an diesem ambitionierten Mammutprojekt aussetzen will.

Spiegel-TV-Autor Michael Kloft hat in Stundenprotokollen die wichtigsten Ereignisse des Tages aufgezeichnet. Eine Art Parallelkonstruktion, die zu Beginn jeder Stunde jeweils zehn Minuten lang das Geschehen der jeweiligen Stunde vom 30. April 1945 wiedergeben soll. Kloft sei auf bisher unveröffentlichtes Material und auf Zeitzeugen gestoßen, so Hoffmann, die vor allem neue Erkenntnisse über den Selbstmord von Hitler und seiner Partnerin Eva Braun lieferten.

Bilder davon gibt es natürlich nicht, dafür erstaunliche Versionen hinsichtlich der Sitzanordnung auf dem blutgetränkten Sofa im Führerbunker, auf oder neben dem Hitler und Eva Braun tot gefunden worden. „Es war überraschend, wie nah man dank dieser einzigartigen Quellen an die Ereignisse im Bunker herankommt – als sei es gestern gewesen“, sagt Kloft. Zur Arbeitsgrundlage gehörte auch ein bisher unveröffentlichtes Verhör von Hitlers Sekretärin Traudl Junge, das US-Ermittler 1946 mit ihr geführt hatten und das in der Doku im Halblicht von Fritzi Haberlandt vorgelesen wird.

Drumherum allerlei Bilder und Erklärungen zum untergehenden Reich. Was passierte, während bei Hitler im Bunker die Lichter ausgingen? Brennende Bauernhöfe, weiße Fahnen in niedersächsischen Dörfern, Luftbilder von Alliierten, ergänzt von Interviews mit Historikern und Hitler-Darstellern wie Martin Wuttke oder Bruno Ganz. Eine massive Materialschlacht, die es trotz des Optimismus von Tausendsassa Kluge („Kein Mensch erwartet am Samstagabend Informationen, das ist unsere Chance“) heute Abend schwer haben dürfte gegen das massive Unterhaltungsprogramm von ZDF-Gottschalk und RTL-Bohlen.

Was Neues, was Sensationelles über Hitler? Irgendwann mittendrin, bei der Vorstellung dieser Vox-Doku, erinnert sich der Zuschauer an das Buch „Bluthunde“ von Don DeLillo, in dem die Protagonisten in den USA nach einem verschollenen, vermeintlichen Amateur-Sexfilm aus dem Führerbunker suchen. Als diese Filmrolle gefunden wird, ist darauf Hitler in seinen letzten Tagen zu sehen – als Charlie-Chaplin-Imitator im Bunker, bei einer Vorstellung für Kinder. Das wäre dann am Samstag Abend auch ein unterhaltsames Kontrastprogramm zu „DSDS“ und „Wetten, dass...?“ gewesen.

Thementag: „Ein Tag schreibt Geschichte – 30.4.1945“, Vox, ab 12 Uhr

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