Antonia Rados : "Ich bin keine Mutter Teresa"

Antonia Rados berichtet für das ZDF über die Krisen und Katastrophen dieser Welt.

Frau Rados, wer hat den besseren Job, Sie oder Claus Kleber, der das „heute-journal“ leitet und moderiert?

Ich bin Reporterin. Besser kann es nicht sein. Die Ambition, Chef oder Moderatorin zu sein, hat mich nie geplagt. Ich hoffe, möglichst viel in der Welt herumfahren zu können. Das ist doch viel besser als Chef zu sein.

Sind Sie das Vorzeigegesicht für Krieg und Krise beim ZDF?

Ich weiß nicht, wie das ZDF das sieht. Es wird darauf ankommen, was ich daraus machen werde. Einen gewissen inneren Druck habe ich schon. Denn nicht das ZDF muss mir etwas beweisen, sondern umgekehrt.

Was treibt Sie in die Welt hinaus?

Ich bin ein totaler News-Junkie. Unheilbar. Und wenn so etwas wie kürzlich in Birma geschieht, dann muss ich am Ort des Geschehens sein. Es genügt mir nicht, in irgendeinem schönen Studio zu sitzen in Mainz oder sonst wo. Ich muss vor Ort sein, wenn es brennt. Auch wenn man sich da einer gewissen Gefahr aussetzt. Berichterstattung aus Krisengebieten ohne Risiko gibt es nicht. Sonst wäre es keine.

Nähe erzeugt Wahrheit?

Nähe erzeugt Nähe. Punkt. Als Reporter bin vor allem Augenzeuge, nicht mehr. Ich bin kein Missionar und keine Mutter Teresa.

Können Sie vorab beurteilen, wann eine große Krise da ist und wann nicht?

Leider nein. Als 1994 in Ruanda Hunderttausende Menschen massakriert wurden, hatte unsere Zunft, haben also wir Reporter völlig versagt. Erst als alles vorbei war, haben wir begriffen, was da vor sich gegangen ist. Noch ein Grund mehr, immer an den Ort des Geschehens zu fahren, wenn etwas passiert.

Muss es für Sie immer die große Krise oder der Krieg sein? Wie stehen Sie das durch, als der Feigling, als den Sie sich selbst bezeichnet haben?

Ich glaube, Helden sind in dem Job, den ich mache, falsch. Helden sterben früh. Ich als Frau habe den Vorteil vor meinen männlichen Kollegen, dass ich zugeben darf, keine Heldin zu sein. Das nimmt man einer Frau nicht übel. Einem Mann schon. Ich habe noch keinen Mann erlebt, der so etwas von sich sagen würde.

Wir hüpfen von Krise zu Krise. Und immer sind Leute wie Sie da, die uns den Feierabend mit Bildern vom Elend vermiesen. Sie sind doch eine Belästigung.

Sie können ja Ihren Fernsehen ausschalten. Aber wenn Sie mir sagen, dass Ihnen sowohl das Schicksal afghanischer Frauen als auch das birmesischer Mönche gleichgültig ist, dann nehme ich Ihnen das nicht ab. Niemand ist eine Insel. Das Elend der anderen ist uns zuzumuten. Wir zeigen ohnehin nur einen kleinen Ausschnitt der oft grausamen Wirklichkeit, die wir als Reporter sehen. Aber das bisschen Wirklichkeit muss sein.

Sehen wir nicht viel zu wenig und immer nur dasselbe?

Geben Sie mir Sendezeit und ich zeige Ihnen, wie es wirklich in der Welt zugeht. Allerdings bin ich der Meinung, dass es nicht darum geht, pure Gewalt und Brutalitäten zu zeigen. Das hilft nicht und beinhaltet auch keine Information über den reinen Gewaltakt hinaus. Mir geht es eher darum, Schicksale zu zeigen. Und den größeren Zusammenhang, in dem die Menschen leben und leiden. Dafür muss man nicht Verletzte bis ins letzte Detail herzeigen und sie so noch zusätzlich erniedrigen. Ich möchte auch nicht im Fernsehen auftauchen, wenn es mir einmal schlecht gehen sollte.

Was bewirken schockierende Bilder? Können Sie unser Herz erweichen? Sollen Sie das überhaupt?

Wir brauchen Bilder, um uns ein Bild machen zu können. Helmut Kohl hat während der Bosnienkrise einen Satz gesagt, der mich nachdenklich stimmte. Er sagte, wenn wir „diese Bilder aus Bosnien“ sehen, dann rührt das unser Herz. Er sagte ausdrücklich „Bilder“. Wenn es keine Bilder gibt, dann gibt es die Krise nicht. Nicht für uns. Allerdings können Bilder lügen. Deshalb müssen sie eingeordnet werden. Zum Beispiel von Reportern.

Wie nah müssen Sie dem Auge des Zyklonen kommen, um uns eine Wahrheit erzählen zu können?

Der Fotograf Robert Capa sagte: „Wenn das Bild schlecht ist, dann bist du nicht nahe genug dran gewesen.“ Da ist was Wahres dran. Mich interessiert am Krieg jedoch nicht der Soldat, der gerade erschossen wird, und den Capa im Spanischen Bürgerkrieg ganz nahe fotografierte. Dazu bin ich vielleicht zu feige. Ich versuche vielmehr festzustellen, wie Krieg auf die Menschen wirkt. Deshalb findet man mich auf der „anderen Seite“, bei den Opfern. Krieg kann man auch verstehen, wenn man in ein Krankenhaus geht und sieht, was Gewalt in einer Gesellschaft anrichtet.

Müssen wir uns den Bildern von Elend immer und immer wieder stellen?

Dazu habe ich keine Meinung. Meine Aufgabe ist es nicht, den Menschen zu sagen, was sie zu denken und zu fühlen haben. Ich muss mich davon unabhängig machen. Es ist nicht meine Aufgabe zu beurteilen, wie viel Elend den Menschen vor dem Fernseher zugemutet werden kann. Meine Aufgabe ist es zu berichten, was ich sehe – mit den bereits erwähnten Einschränkungen. Pure Gewaltberichterstattung ist nichts für mich.

Brauchen Sie den gewissen Kitzel?

Ich kann nicht stillsitzen, wenn ich weiß, irgendwo bricht eine Krise aus. Da bin ich einfach zu neugierig. Im Nachhinein merke ich, wie mich das mitnimmt, mir Leid unter die Haut geht. Nach manchen Drehs muss ich mich kontrollieren, damit mir nicht Tränen herunterrollen.

Sie könnten in Paris shoppen gehen.

Ich bin nicht die Frau, die in Paris shoppen geht und völlig happy ist. Ich bin’s nicht, ich kann’s nicht ändern. Es zwingt mich niemand, Kriegsreporterin zu sein. Ich fahre immer noch in die Welt und denke jedes Mal, ist es nicht wunderbar, ich komme in ein neues Land und lerne viele neue Dinge, schöne und weniger schöne. Ich weiß nicht, ob Sie das Gefühl kennen, aber wenn ich irgendwohin fahre, komme ich immer reicher zurück. Das ist es.

Was sagt Ihr Lebensgefährte dazu, wenn es Sie mal wieder in ein Krisengebiet zieht?

Er sagt nur: „Ich weiß, du wirst auf dich aufpassen.“ Ein schöner Satz, finde ich.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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