ARD : Der Tod, der Promi und das Gorillababy

"Brisant" präsentiert täglich Morde, Furcht und Schrecken. Nun verlängert die ARD die Sendezeit für das Boulevardmagazin. Es wird ein Vorzeigeformat im Ersten - warum nur?

Bernd Gäbler

Am Montag dauerte es bis zum ersten Toten 29 Sekunden; am Dienstag kam nach 23 Sekunden ein Schwerverletzter; nach elf Sekunden das tote Mädchen am Mittwoch. So geht es Tag für Tag. Ein ausgebranntes Haus, ein Autounfall, ein totes Kind – das gibt es täglich, so beginnt jede Ausgabe von „Brisant“ in der ARD. Und die Moderationen dazu lauten: „Dramatische Szenen haben sich in einem kleinen Dorf in Niedersachsen abgespielt“ – „Als er in das Stauende rast, löst er eine Kettenreaktion aus“. Tod, Blaulicht, Furcht und Schrecken stehen zuverlässig am Anfang der Sendung. Alles ist furchtbar.

„Dramatisch“ ist die Lieblingsvokabel der Moderatorin Griseldis Wenner. Sie sagt Stakkato-Sätze wie: „Es wirkte wie eine Hinrichtung“ oder „Die alten Menschen wurden vernachlässigt, geschlagen und waren offenbar unterernährt“. Aber sie sagt auch: „Liebe ist stärker als jede Krankheit“ oder ruft einem sehr alten Brautpaar, das betextet wurde, als handele es sich um possierliche Tierchen, ein „allerliebst“ hinterher. Sei es durch den 60. Hochzeitstag der Queen oder ein gerettetes Gorillababy im Stuttgarter Zoo – am Ende wird immer alles gut. Kitsch ist die Kehrseite des Schreckens.

Im Wechsel mit Griseldis Wenner führt Alexander Mazza durch die Sendung, der nebenbei auf dem Männersender DMAX zu sehen ist. Sonnabends fasst Sybille Weischenberg ihre Einsichten aus dem Beziehungsleben der Reichen und Schönen zusammen, die sie wochentags im Sat-1-Frühstücksfernsehen als „Promi-Expertin“ kundtut. Das gibt es auch online. „Promi-Klatsch“, „Königshäuser“, „Neue Heilmethoden“ heißen die programmbegleitenden Rubriken im Internet.

Nur Heuchler interessieren sich nicht für den „Boulevard“, heißt es. Klatsch und Tratsch seien die der Mediengesellschaft gemäße Form der sozialen Fellpflege. Das mag sein. Aber wie wird es in „Brisant“ gepflegt? Einem Format, dem ein seltenes Privileg im Ersten zuteil wird: „Brisant“ wird im Januar von 30 auf 45 Minuten verlängert, dafür fällt die „Tagesschau“ um 17 Uhr 47 weg.

Die Filme von Unfällen, Untaten und Katastrophen in „Brisant“ folgen einem Schema, das Wiedererkennen garantiert. Zu distanzierten Bildern von ölverschmierten Autobahnen, ausgebrannten Häusern oder der Boulevardpresse entnommenen Fotos wird der Tathergang erzählt. Dazu kommt ein O-Ton von Feuerwehrmann, Polizeisprecher oder Staatsanwalt. Gerne werden zum Zwischenschnitt auch weinende Nachbarn genommen oder Prozessbeobachter, denen die Strafe zu milde ist.

Jedes der Themen kann natürlich im Fernsehen behandelt werden. Es könnte untersucht, mit Interesse an den Individuen neugierig erforscht, differenziert dargestellt werden. Aber „Brisant“ bietet in Bild und Ton die immergleichen Versatzstücke. Nichts ist gestaltet, nichts ist originell. Die Sprache ist arm. Bei den positiven Themen kommt unbedingt „Schutzengel“, „Seele baumeln lassen“ oder „siebzig und kein bisschen leise“ vor. Bilder und Texte passen fugentreu zur Knallpresse. Das ARD-Magazin schaut dem Volk nicht aufs Maul, sondern macht ihm den Mund wässrig. Der Mittelteil der Sendung ist oft von Geschichten zu Personen geprägt beziehungsweise deren gerade laufender PR-Kampagne. Boris Becker hat sich überraschend von seiner Freundin getrennt. Daraus wird am Mittwoch geradezu eine Explosion der Schleichwerbung für das üppig ins Bild gesetzte Blättchen „Revue“. Dessen Chefredakteur darf behaglich erzählen, wie genau der ehemalige Tennisstar die Trennung im Interview darstellte. Nach einigen Mühen kommt am nächsten Tag dann tatsächlich Boris Becker selbst zu Wort – mit ein paar in London aufgenommenen Satzfetzchen, die identisch bei „Leute heute“ im ZDF laufen. Zwischen diese Sätze wird ausführlich Archivmaterial gepackt, das Boris mit wechselnden Damen zeigt. Dasselbe Prinzip praktizieren beide Sendungen mit Kylie Minogue: die gleichen paar O-Töne, diesmal von einer Pressekonferenz, werden mit flotten Bildchen aus ihrem mitgebrachten Film verschnitten. „Exklusiv“ hat „Brisant“ dagegen Graciano „Rocky“ Rocchigiani zur Vorstellung seiner Autobiografie getroffen, praktischerweise genau pünktlich zum Fotoshooting für die Kampagne. Um noch einmal Geld zu machen, wird der Senior gegen Dariusz Michalczewski boxen. Ohne jede Distanz schließt das ARD-Magazin den Beitrag mit dem Werbeslogan: „Es wird eine Schlacht gegen den Tiger.“

Das Gros der Beiträge könnte ohne jede Änderung genauso in „Taff“ (Pro 7), „Explosiv“ (RTL) oder bei „Sat 1 – Das Magazin“ laufen.

Das ist auch kein Wunder, denn die Produzenten sind identisch. Über das Bundesgebiet verstreut leben Fernsehproduktionsfirmen davon, dass sie diesen Formaten tagtäglich ihr Schwarzbrot anbieten. Ihre Kompetenz liegt darin, den Polizeifunk abzuhören, schnell zur Stelle zu sein, die Boulevardpresse auszuwerten, eine Software zu besitzen, mit deren Hilfe man in einer Straße alle Nachbarn anrufen kann, und jungen Journalisten zu erzählen, dass man zur Not immer den Bäcker fragen muss und für den O-Ton als Passant auch schon mal der Praktikant herhalten darf.

Gibt es irgendetwas, dem man besondere, öffentlich-rechtliche Qualität zuschreiben könnte? Bei bestem Willen war innerhalb einer Woche allenfalls ein vermutlich nicht speziell für „Brisant“ gefertigter Beitrag über Udo Jürgens und ein Hamburger Musical mit seinen Songs einigermaßen differenziert gearbeitet; eventuell kann man noch ein mehrteiliges, um liebevolle Nähe bemühtes Porträt einer Altenpflegerin hinzuzählen.

Durch Sendeplatz und Dauer wird „Brisant“ zum Vorzeigeformat im Tagesprogramm des Ersten. Es stimmt etwas nicht, wenn das krasse Missverhältnis einer solchen Sendung zu den Lippenbekenntnissen der Verantwortlichen nicht bemerkt oder schulterzuckend übergangen wird. „Brisant“ folgt nicht nur keinem Bildungsauftrag, sondern forciert die mediale Analphabetisierung.

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