ARD : Die Bessermacher

ARD diskutiert über Qualität und Drei-Stufen-Tes

Simone SchellhammerD

Die knifflige Frage, was denn nun gute Unterhaltung sei, konnte am Ende der Regisseur Niki Stein wohl am treffendsten beantworten: Die Brandrede von Marcel Reich-Ranicki, als er den Deutschen Fernsehpreis ablehnte. Der Auftritt damals war spannend, emotional, informativ, relevant, glaubhaft. Alles Kriterien, die bei der ARD-internen Fachtagung zum Thema „Qualität – machen, messen, managen“ am Donnerstagabend in Hamburg eine Rolle spielten. Moderator Reinhold Beckmann fand, man habe die „wunderbare Provokation“ viel zu ernst genommen. Ein humorvollerer Umgang hätte Not getan. Leider neigten die Deutschen genetisch zur Ernsthaftigkeit, erklärte ARD-Programmdirektor Volker Herres dann an anderer Stelle der Podiumsdiskussion zum Thema „Spitzenunterhaltung oder Einheitssauce? Qualität bei Fernsehfilm, Dokudrama und Show“. Das Leichte komme etwas schwerer zustande als das Gute und Edle.

Die guten Stunden öffentlich-rechtlichen Fernsehens wurden denn auch vom ARD-Vorsitzenden Peter Boudgoust in seiner Vorrede nicht ungenannt gelassen: das diese Woche gesendete Kriegsheimkehrerdrama „Willkommen zuhause“ etwa oder das Dokudrama „Mogadischu“. Sternstunden wie „Guildo und seine Gäste“ oder „Charlotte Roche unter…“ bezeichnete er als „kleine Inseln“. Das seien reizvolle Reiseziele, aber meist recht einsam. Auch er wünsche sich volle Kirchenbänke und frage sich am Ende eines Tages, „ob die, die das Fernsehprogramm bezahlen, es auch anschauen“. Den Zusammenhang von Qualität und Quote beschrieb er als Trial-and-Error-Verfahren, das etwa beim Versuch, Laufsteg-Coach Bruce Darnell „in entgifteter Form“ im Ersten zu platzieren eindeutige, nämlich negative Ergebnisse gebracht habe.

Mit der Frage, wie sich diese Qualität herstellen oder sogar messen lässt, hatten sich die Rundfunk- und Verwaltungsräte sämtlicher ARD-Anstalten, an den beiden Tagen der Gremienvorsitzendenkonferenz beschäftigt. Dabei ging es auch um den sogenannten Drei-Stufen-Test, der durch den 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag nötig geworden ist. Ein Test, bei dem geklärt wird, welche Angebote ARD und ZDF ins Internet stellen dürfen. Wolfgang Schulz, Direktor des Hans-Bredow-Instituts und Geburtshelfer des Tests, versuchte, die Materie transparent zu machen. Auf der ersten Prüfungsebene müssen Rundfunk- und Fernsehräte kontrollieren, ob neue digitale Angebote wie etwa ein Portal für Vorschulkinder auf kika.de zu Recht Bestandteil des öffentlich-rechtlichen Auftrages sind, also „demokratischen, sozialen oder kulturellen Bedürfnissen der Gesellschaft“ entsprechen. Wichtig dabei sei natürlich, dass ein Rundfunkrat als autonomes Gremium den Abstand zur Senderintendanz wahrt. In einem zweiten Schritt gilt es zu prüfen, ob diese neuen Online-Angebote den publizistischen Wettbewerb bereichern. „Selbst wenn das wirtschaftliche Gutachten zu dem Ergebnis kommt, dass Konkurrenz vom Markt verdrängt wird, hat nach meiner Rechtsauffassung das Gremium trotzdem die Möglichkeit, dieses Angebot zu genehmigen, muss dann eben genau begründen, warum ein publizistischer Mehrwert vorliegt“, erklärte Schulz. Dazu werden Gutachten von externen Sachverständigen herangezogen. Auf der dritten Stufe sollen die Gremien prüfen, ob die neuen Angebote angemessen zu finanzieren sind.

Dieser anstehende Lackmustest für ARD und ZDF, den manche als bürokratisches Monster kritisieren, hat für Schulz jetzt schon ein Gutes: „Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird damit genötigt, nicht nur gute Angebote, sondern auch gute Gründe dafür zu produzieren, und das ist ganz wichtig für die Weiterentwicklung von Qualitätsbewusstsein in den Häusern.“ Simone Schellhammer

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