ARD: Die Freischwimmerin : Ein überraschender Blick auf die Integration einer türkischen Schülerin

"Die Freischwimmerin" in der ARD: Wenn Ganzkörperanzüge bei Schwimmwettbewerben verboten sind, empfiehlt sich dann vielleicht die Forderung: Kopftuch für alle.

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Schülerin Ilayda (Selen Savas, rechts) und Schwimmlehrerin (Emily Cox).
Schülerin Ilayda (Selen Savas, rechts) und Schwimmlehrerin (Emily Cox).Foto: MDR/Petro Domenigg

Knaben in Hosen, Mädchen in Badeanzügen – wenn das immer so einfach wäre beim Schwimmunterricht mit türkischen Mädchen. Schülerin Ilayda erfüllt alle Klischees über türkische Einwanderer, die sich nicht an die Gesellschaft anpassen wollen. Die 17-Jährige trägt stets Kopftuch, sie sitzt am Beckenrand, wenn ihre Mitschüler Kraulen lernen, lernt nachts heimlich im Schwimmbad, wenn keiner zuguckt. Denn sie ist eigentlich eine tolle Schwimmerin. Das weiß nur keiner. Als sie dann endlich – im Ganzkörperanzug – ihr Können im Wasser unter Beweis stellen kann, droht sie bei den Schwimmmeisterschaften im letzten Moment die Teilnahme zu verweigern. Ganzkörperanzüge sind bei Wettbewerben verboten, sagt der Schiedsrichter.

Es bleibt nicht der einzige Aha-Effekt bei diesem Multikulti-Drama aus Österreich. Die Entwicklungsgeschichte eines türkischen Mädchens gekoppelt mit dem Abnabelungsversuch einer jungen Lehrerin, die in eine neue Stadt, an eine neue Schule kommt und in der Übergangszeit bei Ihrer dominanten Mutter wohnen muss. „Die Freischwimmerin“ setzt mit Emily Cox und Nachwuchsschauspielerin Selen Savas auf zwei sympathische, unbekannte Gesichter, auf – für den Mittwochs-Programmplatz und diese Thematik – überraschend leichte Unterhaltung und eine interessante Eingangsfrage.

Warum verweigert eine junge Muslima den Schwimmunterricht, wo sie doch alles andere als eine religiöse Fanatikerin zu sein scheint? Der plötzliche Tod ihres Vaters hatte Ilayda offenbar verändert. Das hervorragend integrierte Mädchen wurde zur Außenseiterin mit Kopftuch, die den Sportunterricht boykottiert. Bei ihren heimlichen Übungen im Schwimmbecken wird sie nun von der neuen Sportlehrerin beobachtet. Eine Lehrerin, wie man sie sich nur wünschen kann: Idealistisch, voller Enthusiasmus geht sie ihren Beruf in einem schwierigen Umfeld an, das sich, in Person des Direktors, ganz eng an Konventionen und Regeln hält. Das erschwert vor allem das freie Schwimmen der türkischen Protagonistin. Das ist nicht immer schlüssig, aber löblich in der Botschaft.

Bei dem Versuch, westliche Klischeevorstellungen gegenüber muslimischer Glaubenspraxis zu decouvrieren (die bildungsferne, türkischstämmige Familie, die ihre Töchter eher widerwillig in die deutschsprachigen Schulen schickt), um die Problematik des freien Willens zu kreisen und nebenbei eine Großer-Bruder-kleine-Schwester-Geschichte zu erzählen, greifen die Autoren Susanne Beck und Thomas Eifler sowie Regisseur Holger Barthel („Die Mutprobe“) gelegentlich daneben. Andererseits kann man es durchaus mal so auf den Punkt bringen wie Ilayda bei der Lehrerin: „So ist es mit dem Kopftuch: Jeder denkt sofort, er kennt sich aus. Ich frage Sie ja auch nicht, warum Sie Stiefeletten tragen.“

Badehose, Badeanzug, Ganzkörperdress, Kopftuch, was soll’s? Wenn das Ende der Geschichte immer so friedlich-schiedlich aussehen würde wie hier bei der „Freischwimmerin“, hätten nicht nur Österreich und Deutschland ein paar Integrationskonflikte weniger.

„Die Freischwimmerin“, Mittwoch, ARD, 20 Uhr 15

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