ARD-Doku "Der Agent" : Sein Name war Stiller

Vom Verrat im Kalten Krieg: Die ARD-Doku "Der Agent" erzählt die Geschichte des DDR-Spions Werner Stiller, der in den Westen überlief. Und in den USA reich wurde.

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Wurde in den USA reich: Ex-Agent Werner Stiller, heute Peter Fischer. Foto: MDR
Wurde in den USA reich: Ex-Agent Werner Stiller, heute Peter Fischer. Foto: MDR

„Ich glaube nicht, dass ich ein Held bin“, sagt Werner Stiller am Ende der Dokumentation „Der Agent“. Der einstige DDR-Spion, der im Januar 1979 in den Westen geflüchtet war und zahlreiche Stasi-Kollegen auffliegen ließ, heißt nun Peter Fischer, ist 65 Jahre alt und lebt in Budapest. Die CIA hatte ihm eine andere Identität in den USA gegeben, und mit der ist er als Investmentbanker „steinreich“ geworden, wie es im Film heißt. Die Arbeit bei der Stasi und einem Bankhaus wie Goldman Sachs seien sich durchaus ähnlich, meint Stiller/Fischer. Sowohl als Agent als auch als Investmentbanker entwickle man „sehr persönliche Beziehungen und Netzwerke und hängt sie nicht an die große Glocke“.

Die Geschichte Werner Stillers, die Filmautor Rudolph Herzog als „Sittengemälde“ erzählen will, hat alles, was einen saftigen Agententhriller ausmacht: Briefe mit unsichtbarer Tinte und verschlüsselte Funksprüche, unter einem Baum oder in der Decke einer Zugtoilette versteckte Nachrichten, ein Einbruch in ein Stasi-Büro und die Flucht über den Berliner S-Bahnhof Friedrichstraße mit einer Pistole in der Tasche. Es sei ihm nicht um das bessere Leben gegangen, sagt Stiller, sondern um die Freiheit. Er könne es nicht akzeptieren, „wenn mir jemand vorschreibt, was ich zu tun und zu denken habe“.

Dass der Spion überlief, war ein großer Erfolg für den Westen, aber der Bundesnachrichtendienst (BND) kommt in dem Film gar nicht gut weg. So sollten Stiller und seine Geliebte Helga Michnowski, deren Bruder im Westen den Kontakt zum BND hergestellt hatte, Informationen in einem Zug verstecken, der gar nicht in der DDR hielt. „Die Leute konnten nicht mal Fahrplan lesen“, spottet Stiller, der auch mit dem vom BND miserabel gefälschten Pass lieber nicht flüchten wollte. „Schlampige Arbeit“, erinnert sich Helga Michnowski, die über Warschau in den Westen geschleust wurde und nun in den USA lebt. Der BND wollte nach Auskunft von Autor Herzog nicht Stellung nehmen. Dafür kommt Hans Peter, Stillers Büronachbar bei der Stasi-Auslandsaufklärung, zu Wort. Der hätte den Verräter damals „am liebsten über den Haufen geknallt“.

Der Film erzählt jedoch mehr als eine deutsch-deutsche Räuberpistole, es geht vor allem darum, wie sich Menschen im Kalten Krieg gegenseitig benutzt, getäuscht und verraten haben. Auch Werner Stiller, dessen einst vorhandenes Charisma im Film nicht mehr wirklich zu spüren ist, wird nicht zum reinen Helden stilisiert. Für ihn war die Affäre mit Helga Michnowski nur ein Mittel zum Zweck, wie er selbst zugibt. Und in der DDR hatte er seine Frau und seine beiden Kindern zurückgelassen.

Es irritiert, dass niemand von Stillers Angehörigen interviewt wird und auch deren weiterer Werdegang nicht geschildert wird wie bei den anderen Protagonisten. Rudolph Herzog entschied sich dagegen, weil es sich neben der Dimension des Landesverrats auch um die gewöhnliche Situation einer gescheiterten Ehe gehandelt habe.

Stattdessen erzählt er die Geschichte von Thomas Raufeisen, die, so Herzog, „aus verschiedenen Gründen tragischer und extremer ist als die der Kinder Stillers“: Als 16-Jähriger musste der völlig ahnungslose Raufeisen mit seinen Eltern Hals über Kopf von Hannover in die DDR übersiedeln, weil sein spionierender Vater, ein Ingenieur bei der Preussag, nach dem Überlaufen Stillers die Verhaftung befürchtete. Von dort versuchte die Familie dann später wieder zurück in den Westen zu fliehen und landete in DDR-Gefängnissen. Auch Thomas Raufeisen musste dort drei Jahre absitzen, sein Vater starb in der Haft. Thomas Gehringer

„Der Agent“, 23 Uhr 30, ARD

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