ARD-Doku : Kein Trost, nirgends

"Ein Jude, der Deutschland liebte" - eine Dokumentation über Willy Cohn, der nicht glauben konnte, dass das deutsche "Kulturvolk" zu solcher Barbarei fähig sein würde.

Caroline Fetscher

"Es sind trübe Zeiten, besonders für uns Juden", notierte Willy Cohn. Während sich das Netz der Verfolger enger und enger um seine Familie zog, führte der promovierte Studienrat Cohn in Breslau Tagebuch. "Gestern haben SA-Horden Rechtsanwalt Weiß blutig geschlagen", schrieb er. "Finsterstes Mittelalter." Nichts ist mehr alltäglich. Auf Spaziergängen mit den Töchtern durfte der Vater keine Parkbank mehr benutzen, die Kinder kamen drangsaliert und bedroht von der Schule nach Hause. Und eines Nachts brannte die Synagoge.

Wie aber verstehen, dass ein gebildeter Mann wie Cohn, der alles sah und alles aufschrieb, dennoch da blieb? Er konnte und wollte nicht glauben, dass das deutsche "Kulturvolk" fähig sein würde zu solcher Barbarei. Vielmehr hoffte er: "Vielleicht geht mit Gottes Hilfe noch alles glatt seinen Weg". An Weihnachten notierte er: "Die wenigsten wissen, dass sie den Geburtstag eines Juden feiern." Im November 1941 hat diese Hoffnung ihn, seine Frau und seine Töchter Susanne (10) und Tamara (3), damals vier Jahre alt, in den Tod geschickt. Deportiert nach Litauen, wurden sie dort sofort erschossen."

Übrig blieb das Tagebuch. "Es ist trotz all dem sehr schwer, sich die Liebe zu Deutschland ganz aus dem Herzen zu reißen", notierte der Mann, dessen Familie in der fünften Generation in Breslau lebte. Dieser Aussage, einem Eintrag vom Februar 1933, entnimmt der Dokumentarfilm "Ein Jude, der Deutschland liebte - Das Tagebuch des Willy Cohn" seinen Titel. Behutsam begleitet die Autorin Petra Lidschreiber die drei überlebenden Kinder des Willy Cohn - Louis, Ernst und Ruth - an die Orte der Schreckens, denen sie als Einzige aus der Familie entkamen.

Gespräche und Eindrücke der Gegenwart verweben sich mit Passagen aus dem Tagebuch, das 2006 unter dem Titel "Kein Recht, nirgends" erschien. Es ist 74 Jahre her, dass Louis Cohn, genannt "Wölfl", in Breslau war, der Stadt, wo er zwischen den Büchern seiner Eltern aufwuchs, bis diese ihn schweren Herzens nach Paris schicken, wie 1935 den Sohn Ernst nach Palästina in einen Kibbuz, die Tochter Ruth nach Dänemark, von wo sie auch nach Palästina floh. "Ich grüße Dich, mein geliebtes Kind, weit über das Meer", schreibt der Vater.

Zu Hause in Breslau blieben damals die Kleinen, "Susannchen, unser Sonnenschein", wie der Vater sie in den Aufzeichnungen nennt, und die kindlich vergnügte, 1938 geborene Tamara.

Welten scheinen zu klaffen zwischen den Repressalien, Sadismen, Rassengesetzen und Morden des Damals und dem Breslau von heute, wo Jugendliche auf Skateboards umhersausen, Straßenbahnen fahren und renovierte Fassaden freundlich schweigen.

Die betagten Geschwister, Staatsbürger von Israel und Frankreich, wandern durch diese Welt, tastend auf der Suche nach Spuren: "Da ist der kleine Laden noch!" Da ist auch das Johannes-Gymnasium noch und das Elternhaus, wo sie die Fenster von Kinderzimmer und Esszimmer erkennen. "Das Schicksal ist stärker als die Liebe der Eltern", hatte der Vater geschrieben.

"Ein Jude, der Deutschland liebte", ARD, Mittwoch, 23:30 Uhr

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