ARD-Doku "Unter Männern" : Nische und Neon: Über schwules Leben in der DDR

Wie fühlte sich das an, in der DDR als Schwuler zu leben? Ein ARD-Dokumentarfilm über Homosexualität im Sozialismus.

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Punk und schwul. Frank Schäfer war Ende der 1980er Jahre einer der gefragtesten Friseure Ost-Berlins. Er ermöglichte vielen Frauen das, was sonst nicht zu bekommen war: verrückt und punkig auszusehen. Dabei war für ihn die Homosexualität selbstverständlich. Foto: MDR
Punk und schwul. Frank Schäfer war Ende der 1980er Jahre einer der gefragtesten Friseure Ost-Berlins. Er ermöglichte vielen Frauen...Foto: MDR/Hoferichter & Jacobs

Schwul sein in der DDR? Wie war das? Wie fühlte sich das an? Ließ sich das leben? Diese Fragen stellte sich der 1983 in Anklam (Vorpommern) geborene Ringo Rösener. Als die Mauer fiel, war er sechs Jahre alt und weit davon entfernt, seine eigene schwule Identität oder die des Staates zu kennen. So wird dieser ARD-Dokumentarfilm „Unter Männern“ über schwules Leben in der DDR auch eine biografisch-historische Spurensuche für den jungen Regisseur, der sich fragt, wie er seine Homosexualität im sozialistischen Staat hätte leben können.

Diese subjektive Herangehensweise verstellt jedoch nicht den Blick, sondern sie gewinnt die Offenheit der Gesprächspartner, die der Film porträtiert. Sechs Männer werden befragt, sechs schwule Lebensläufe intensiv erkundet. Der älteste Interviewpartner ist 79, der jüngste 43 Jahre alt. Da ist der introvertierte Lehrer Christian, der bedauert, nie sein Coming-out gelebt zu haben. Sein guter Freund Helwin, Einwanderer aus Chile, gibt sich freier, selbstbewusster. Auch der Szenefriseur Frank Schäfer gibt extrovertiert Auskunft. Bullig und verletzbar zugleich zeigt sich der Grafiker Jürgen, während der Theologe Eduard Stapels als organisatorischer Kopf der DDR-Schwulenbewegung kenntlich wird. Und fern von Berlin im thüringischen Lauscha kämpft der Glaskünstler John Zinner um seine Politik des Körpers und der Liebe.

Der Film ist eine aufschlussreiche und bunte Studie, denn jeder der Protagonisten hat eine andere Geschichte, ein anderes Körperbewusstsein und eine differenzierte Sicht auf das schwule Leben im Sozialismus. Während Helwin sich frei und „wie im Paradies“ fühlte, hatte der Theologe Stapels mit einem Staat zu kämpfen, der die Schwulen zwar nicht strafrechtlich verfolgte, sie aber doch nur in dunklen Nischen duldete und sie bekämpfte, sobald sie die Öffentlichkeit suchten. Vier „Romeos“ hatte die Staatssicherheit auf ihn angesetzt, seine Stasi-Akte ist meterlang. „Wir waren Staatsfeinde“, sagt Stapels, Homosexuelle wurden als Repräsentanten dekadenter Bürgerlichkeit betrachtet.

Der Punk-Friseur Schäfer, der im Alltag durch Kleidung und Frisuren modische Dissidenz bewies, wurde bei einem Verhör von einem Stasi-Mann vergewaltigt. Um sich von den Repressionen nicht zerstören zu lassen, deutet er sie für sich zur Lebensstilkunde um: „Ich wollte cool sein und dazu gehörte es auch, verhaftet zu werden. Viel verhaftet zu werden, ist auch viel cool.“ Der Film berührt. Der Regisseur streift mit seinen Zeitzeugen durch private Archive der Erinnerung, blättert in alten Fotoalben, forscht fragend nach den Zerreißproben ihrer Leben und tastet offizielle Fassaden wie Architektur und Denkmäler nach Spuren schwulen Lebens ab. So entsteht ein Film, der weit über den schwulen Alltag hinaus das Leben in der DDR erkundet und von ihren mentalen und emotionalen Druckkammern erzählt.

Es sind mitunter dramatische Geschichten, die hier zu Sprache und Bild finden, etwa wenn Stapels von seiner Krebserkrankung spricht und wie die Stasi diese zu instrumentalisieren versuchte, doch der Film bleibt sich treu und erzählt eindringlich und verhalten zugleich. Kein schriller Ton. Es lohnt sich, in diese anderen, fremden Leben einzutauchen. Für ein Coming-out – nicht nur ein schwules – sollte es nie zu spät sein. Das zeigt dieser Film.

„Unter Männern – Schwul in der DDR“, ARD, Dienstag, 22 Uhr 45

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