ARD-Doku zum 70-jährigen Gedenken : Warum fiel die zweite Atombombe auf Nagasaki?

Die Amerikaner warfen 1945 eine zweite Atombombe über Nagasaki ab. Klaus Scherer fragt in seiner ARD-Doku nach den Gründen.

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Strahlenopfer der Bombe. Kinder aus Nagasaki. Foto: NDR/National Archive
Strahlenopfer der Bombe. Kinder aus Nagasaki.Foto: NDR/National Archive

„Warum fiel die zweite Bombe?", fragt Klaus Scherer im Titelzusatz seines Films über die Bombardierung von Nagasaki am 9. August 1945. Seine Antwort wird nicht dazu führen, dass die Geschichtsbücher umgeschrieben werden müssen, aber interessant ist das, was verschiedene amerikanische und japanische Historiker vor der Kamera äußern, allemal. Dass der Atombombenabwurf über Nagasaki kaum noch kriegsentscheidend war, weil Japan im Grunde längst besiegt war, ist bekannt. Nach Ansicht der Experten wäre sogar die Bombe auf Hiroshima nicht nötig gewesen, denn zur Kapitulation habe die japanische Regierung etwas ganz anderes bewogen: Bis zuletzt hatte man darauf vertraut, Josef Stalin werde als Vermittler zwischen Japan und den USA fungieren. Als dann auch die Sowjetunion Japan den Krieg erklärte, war selbiger verloren.

Für die Bombardierung Nagasakis haben die Historiker eine ebenso einleuchtende wie zynische Erklärung: Die erste Bombe war eine Uranbombe, deren Auswirkungen dank eines Tests im Juli 1945 bekannt waren. Die zweite basierte auf Plutonium, dieser Typ war auch schon in New Mexico getestet worden. "Der wahre Test aber", schrieb der Leiter des Manhattan Projects in seinem Bericht", stehe erst noch bevor - "im Krieg gegen Japan".

Die Menschen sind verdampft

Scherer beschränkt sich allerdings nicht auf Interviews mit Wissenschaftlern, im Gegenteil; der Schwerpunkt seines mit 45 Minuten eigentlich viel zu kurzen Films liegt auf den Gesprächen mit Menschen, die aus erster Hand schildern, was für ein Verbrechen die beiden Bombenabwürfe waren. Sie haben die Bombardierung als Kinder erlebt. Ihre Beschreibungen sind sachlich, fast nüchtern; umso erschütternder sind die Fotos, mit denen Scherer ihre Schilderungen illustriert. Auf einigen ist bloß ein Umriss auf der Straße zu sehen: Die Menschen sind verdampft; nur ein Schatten ist übrig geblieben.

Natürlich bettet Scherer die Ereignisse in den historischen Zusammenhang. Er beschreibt die Kriegslage im Pazifik, die begründete Furcht der Amerikaner vor Verlusten, wenn sie weiterhin Bodentruppen einsetzen würden, und die unrühmliche Rolle Stalins, der die Japaner in dem Glauben ließ, die Sowjetunion werde nicht in den Krieg eingreifen. Außerdem kann der Autor belegen, dass selbst amerikanische Generäle die beiden Bombardierungen militärisch für unnötig und moralisch für verwerflich hielten.

Aber wichtig ist sein Film, weil er die Geschichte aus Sicht der Opfer erzählt, die von ihren Landsleuten wegen ihrer Strahlenkrankheit ausgestoßen und von amerikanischen Wissenschaftlern wie Versuchskaninchen behandelt wurden. Klaus Scherer stellt unter anderem einen Chor vor, der nur aus Überlebenden besteht. „Das Leben, die Liebe: alles verglüht“, heißt es in dem Lied, das sie singen. Ein Schicksal, das auch Deutschland geblüht hätte; im Rückblick war es reines Glück, dass die finale Entwicklung der Atombombe erst nach der deutschen Kapitulation im Mai 1945 abgeschlossen wurde.

„Nagasaki – Warum fiel die zweite Bombe?“ ARD, Montag, 23 Uhr 45; weitere Dokus zum Jahrestag der Bombardierungen Hiroshimas und Nagasakis zeigen unter anderem Arte am Dienstag um 20 Uhr 15 („Countdown in ein neues Zeitalter: Hiroshima“) sowie am Mittwoch ZDF Kultur um 20 Uhr 15 („Lise Meitner – Die Mutter der Atombombe“, „Hiroshima, Nagasaki – Atombombenopfer sagen aus“) und Phoenix um 22 Uhr 15 („Hiroshima“)

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