ARD-Dokudrama : Die Mauermacher

In "Geheimsache Mauer" schildern die Erbauer der Grenze ihre Sicht der Ereignisse rund um den August 1961 und das Leben danach. Zu Wort kommt auch ein Politoffizier - Mitleid für die Opfer empfindet er auch heute noch nicht.

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Die Macht des Systems reicht weit. Eine Spielszene des Dokudramas stellt nach, wie Volkspolizist Gerd Sommerlatte im Auftrag der Stasi zurück in die DDR geholt wird.
Die Macht des Systems reicht weit. Eine Spielszene des Dokudramas stellt nach, wie Volkspolizist Gerd Sommerlatte im Auftrag der...Foto: RBB

Mit dem 13. August 1961 ist es wie mit dem 9. November 1989. Auch Jahrzehnte später ist die Erinnerung an diesen Tag für die, die ihn bewusst erlebten, noch überdeutlich. Jürgen Ast war damals sieben Jahre alt und besuchte gerade seine Tante in Borgsdorf nahe Berlin, seine Eltern waren bei Verwandten in West-Berlin. Auch sonst sind für ihn Familienbesuche in den Westen üblich gewesen, nicht zuletzt bei der Urgroßmutter in Kiel. Bis Berlin durch Stacheldraht und Mauer zweigeteilt wurde, auch wenn die Tante hoffte, „der Willy macht das schon“. Doch auch Willy Brandt scheiterte, die Eltern kamen aus dem Westteil der Stadt zurück, Jürgen Ast wuchs in der DDR auf. Seine Urgroßmutter hat er nie wieder gesehen.

Zum 50. Jahrestag des Mauerbaus hat Ast zusammen mit dem aus dem Westen stammenden Christoph Weinert in dreijähriger Arbeit das ARD-Dokudrama „Geheimsache Mauer – Die Geschichte der deutschen Grenze“ zusammengestellt, das nun am Dienstagabend in der ARD zu sehen ist.

So offensichtlich die Mauer Berlin und Deutschland trennte und zum Bildnis für den Kalten Krieg wurde, so geheim verliefen 1961 die Planungen unter Leitung des späteren DDR-Staats- und Parteichefs Erich Honecker. Ein immenses Aufgebot von Menschen und Material war nötig, von Baustoff für den Wohnungsbau und zuvor gehortetem Stacheldraht, teils sogar aus dem Westen importiert. Niemand durfte davon etwas mitbekommen. Auch später, als die Mauer längst eine unüberwindbare Realität war, änderte sich an der Geheimhaltung nichts.

Der ARD-Film beginnt mit den geheimsten Plänen, nachgestellt in einer fiktiven Szene vom 13. August 2011. Zu sehen: Offiziere des Grenzschutzes mit Funkheadsets, weitere Uniformierte vor Großbild-Monitoren. Eine junge Frau wird von den Kameras erfasst, blickt ängstlich nach oben, der Verantwortliche ordnet den Zugriff an. Die Szene geht zurück auf die Pläne für die „Mauer 2000“, die die bisherigen Grenzanlagen ablösen sollte. 1983 hatte Franz Josef Strauß der wirtschaftlich am Boden liegenden DDR gerade einen Milliardenkredit verschafft, aber im Gegenzug den Wegfall der Selbstschussanlagen an der innerdeutschen Grenze durchgesetzt. Die neue Mauer sollte eine unsichtbare Grenze ohne Stacheldraht und Schießanlagen sein, dafür mit viel Hightech. Mittels Bewegungsmeldern, Infrarotsensoren und empfindlichen Mikrofonen wäre jeder Fluchtversuch erkannt und die Flüchtlinge notfalls mit dem Betäubungsgewehr gestoppt worden. Die Pläne wurden nie umgesetzt.

In dem 90-minütigen Doku-Drama werden solche authentisch wirkenden Spielszenen geschickt mit Originalfilmen und Fotos und einer Vielzahl erhellender Interviews mit Zeitzeugen kombiniert. Zu Wort kommen vor allem: SED-Funktionäre, Politoffiziere, Bereitschaftspolizisten, Wehrpflichtige, Ingenieure, die Macher der Mauer. Sie erzählen die Geschichte dieser Grenze aus der Sicht derer, die sie geplant, erbaut und bewacht haben. Ihnen wird im Film ihre „eigene Meinung und Sicht zugestanden, die man nicht teilen muss, die man aber auch nicht verfälschen will und darf“, wie Ast es formuliert.

Verwunderlich, wie viele auch heute noch überzeugt sind von der Richtigkeit und Wichtigkeit ihres Handelns. So, wie der Grenzschutzleiter, der von den Provokateuren aus dem Westen erzählt, die sich am Tag des Mauerbaus vor die Kampfgruppen und Volksarmisten gestellt haben, sie teils anspuckten, sich aber dann zurückzogen, als die Uniformierten die Bajonette auf sie richteten. „Dann war Ruhe“, erzählt er sichtlich befriedigt. Oder der Politoffizier, für den Republikflüchtlinge nach wie vor Landesverräter sind und der noch heute kein Mitleid mit den Maueropfern empfinden kann.

Wer allein diesen ARD-Film sieht, könnte anmerken, dass Weinert und Ast den Tätern von damals zu unwidersprochen ein Forum geben. Das gilt auch für jenen Teil, als erzählt wird, wie die Ost-Propaganda den Tod zweier DDR-Grenzschützer ausgeschlachtet hat. Die Toten wurden zu Helden stilisiert, das „westliche Mordregime“ angeprangert, so zeigt es das DDR-Material. Doch insgesamt fügt sich das Bild dieser Gemeinschaftsproduktion von RBB, MDR und Arte so in die Gesamtschau der Mauerbau-Beiträge, dass der Film eine klare Bereicherung ist. Den Machern des Films geht es erkennbar ums Verstehen, nicht um Verständnis für die Mauermacher.

„Geheimsache Mauer – Die Geschichte einer deutschen Grenze“, 22 Uhr 45, ARD

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