• ARD-Dokumentation: Heinrich Himmlers private Korrespondenz oder der Horror des Banalen

ARD-Dokumentation : Heinrich Himmlers private Korrespondenz oder der Horror des Banalen

"Der Anständige": Regisseurin Vanessa Lapa fügt die private Korrespondenz von Heinrich Himmler und zeitgenössisches Filmmaterial zusammen

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Heinrich Himmler, Reichsführer-SS
Heinrich Himmler, Reichsführer-SSFoto: MDR/Realworks Ltd.

„Von unserem Haus, unserer Burg“, schreibt Heinrich Himmler 1929, „da wird alles Schmutzige ferngehalten.“ Seine Marga hat er vor wenigen Monaten geheiratet, im August wird Tochter Gudrun geboren. Man schreibt sich verklemmt-frivole Liebesbriefe: „Heini“ an seinen „Schlingel“, die „gute Frau“ an ihren „bösen Mann“ und „guten wilden Geliebten“. Und Himmler macht Karriere, er wird Reichsführer-SS, während er seiner Familie ein Haus am Tegernsee einrichten lässt. Warum er „blutdürstig zum Messer greifen“ wolle, fragt Marga. Er könne nicht immer so brav sein, wie sie es haben möchte, antwortet Heinrich seiner „lieben Frau“. Marga schreibt: „Du sollst immer so ehrlich bleiben, du garstiger Mann mit der schwarzen Seele.“

Himmler mauert sich ein in Nationalstolz und Rassenwahn

Von Himmler, einem der Hauptverantwortlichen für den Holocaust, und seiner Familie sind zahlreiche Briefe und Tagebücher überliefert. Vanessa Lapa stellt die unter anderem von Tobias Moretti und Sophie Rois gesprochene Text-Auswahl in ihrem Dokumentarfilm „Der Anständige“ einer Collage aus Archivbildern gegenüber. Dabei handele es sich um überwiegend unveröffentlichtes Material, heißt es auf der Homepage des Filmes. Was anfangs wie eine Aneinanderreihung von Belanglosigkeiten wirkt, steigert sich zu einem Horror-Trip. Bilder von brennenden Synagogen, brutalen Übergriffen auf Juden und Deportationen kommentieren die Korrespondenz. Es ist der deutsche Kleinbürger, der hier wirkungsvoll vorgeführt wird, der sich einmauert in seinem Nationalstolz und hineinsteigert in Rassenwahn. Immer wieder fordert Heinrich von sich und anderen, „anständig“ zu sein. Das Wort zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben, bis zum Schluss, wenn er in der Posener Rede von 1943 seinen SS-Schlächtern bescheinigt, „anständig geblieben zu sein“.

Die in Belgien geborene und in Israel lebende Lapa setzt in ihrem Film Wissen über den Nationalsozialismus voraus. Sie bietet keine historischen Einordnungen, außer einigen biografischen Angaben zu Himmlers Karriere, und verzichtet auf einen Kommentar aus dem Off. Ihre „post-dokumentarische“ Form erlaube es dem Zuschauer, mitzudenken und mitzufühlen statt nur zu konsumieren, sagt die Regisseurin. Thomas Gehringer

„Der Anständige“, ARD, Montag, um 22 Uhr 45

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