ARD : Eine Frage der Ehre

Maria Furtwängler als schwangere "Tatort“-Ermittlerin im Migrantenmilieu.

Barbara Sichtermann

Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) hat es diesmal besonders schwer. Nicht nur, dass die Kollegen zur Mittagspause unbarmherzig ihr „Mahlzeit“ hinausposaunen, während die schwangere Kommissarin appetitlos dasitzt und eigentlich nur weiterarbeiten möchte. Sie kriegt auch noch einen neuen Vorgesetzten, Bitomsky mit Namen (Torsten Michaelis), der sich als Pedant entpuppt und der Untergebenen wegen der anderen Umstände den Außendienst verbietet. Und der Fall, den Lindholm aufzuklären hat, ist ganz schön verwickelt. Illegitime Liebesbeziehungen in einer türkischen Familie sowie eine verschwiegene Schwangerschaft spielen eine Rolle. Lindholm, die mit ihrem Verdacht – es war kein Selbstmord, sondern Mord – richtig liegt, muss sich von ihrem türkischen Kollegen „Xenophobie“, also Fremdenfeindlichkeit, nachsagen lassen. Es prasselt von allen Seiten auf die werdende Mutter ein. Sogar WG-Freund Martin fällt ihr auf den Wecker. Seiner Überfürsorge kann sie kaum entrinnen, schließlich teilen beide Küche und Bad. Gnadenlos schleppt er sie zur Schwangeren-Gymnastik.

Es ist interessant und unterhaltsam zu sehen, wie sich Charlotte all dieser Misshelligkeiten erwehrt. Sie macht nämlich gar nichts. Außer ihrer Arbeit, und die macht sie gründlich und gut wie stets. Die Kollegen mit ihren Mahlzeiten ignoriert sie, die Bemühungen von Mutter und Martin, ihr gesunde Kost zukommen zu lassen, desgleichen, und auch die Dienstanweisung – keine Außenrecherchen! – schlägt sie in schöner Insubordination in den Wind. Unverdrossen, still und konzentriert geht die Ermittlerin ihren Weg. Und wenn ihre überbesorgte Mitwelt sie vorwurfsvoll darauf hinweist, dass ja wohl ihre Ausflüge in die Welt des Verbrechens dem Ungeborenen schaden könnten, schaut sie stur und starr durch diese Mitwelt hindurch. Manchmal murmelt sie was in der Art von „Ich brauch euch nicht“ oder „Es ist mein Kind“, im Grunde aber bleibt sie von all dem Gebarme und auch von Bitomskys Vorhaltungen unberührt. „Sie können mich nicht leiden“, wirft sie dem neuen Chef trocken hin.

Gern denkt man bei dieser Geschichte (Buch und Regie: Angelina Maccarone) an die mutmaßlich erste Filmkommissarin, die in guter Hoffnung und fantastischer Ruhe ihre Arbeit tut, wie sie die Brüder Coen in ihrem Film „Fargo“ inszeniert haben. Da stapft die Hochschwangere durch den Schnee, durch nichts von ihrer Spur abzubringen und auch durch brutalste Blutbäder kaum zu erschüttern, ein harter Fels in der Brandung des Verbrechens – trotz Schwangerschaft. Oder deswegen? Die schöne Coolness, die Furtwängler als Lindholm in „Wem Ehre gebührt“ an den Tag legt, ist ihr ja immer eigen. Diesmal aber steht ihre Unerschrockenheit all des Ärgers wegen, der da anbrandet, auf dem Prüfstand. Und sie besteht die Prüfung. Man kommt auf denselben Gedanken wie bei „Fargo“: dass Schwangere keineswegs die rundum schonungsbedürftigen Sonderfälle sind, die man in Watte packen muss, sondern durchaus belastbare Menschenwesen. Weil sie, wie es ihrem Zustand entspricht, besonders zielbewusst sind.

Das Milieu, in dem sich Lindholm ermittelnd bewegt, ist das der türkischen Migranten – und hier ist nichts so, wie es scheint. Die Drehbuchautorin Maccarone, die ja auch Regie führt, hat viel von dem hineingepackt, was die Republik seit Verschärfung der Integrationsdebatte bewegt: religiöse Zwistigkeiten, Verdacht auf Ehrenmord, die Probleme der väterlichen Vor- und Allmacht. Doppelgesichtig agiert Hilmi Sözer als Patriarch Aka Özkan, verschlagen Aylin Tezel als seine Tochter Selda. Charlotte nimmt die Kopftuchträgerin, die sehr viel betet, bei sich auf und kommt schließlich hinter ihr Geheimnis. Erfrischend, wie sie das Mädchen zusammenstaucht: „Hör auf mit dem heiligen Getue.“

Schon daran merkt man, dass „Wem Ehre gebührt“ kein Weihnachtsfilm ist. Es ist ein gelungener „Tatort“ in einem unwirtlichen Hannover. Und das ist bei dem hohen Maß an Weihnachtlichkeit in den Medien eine sehr angenehme Abwechslung.

„Tatort: Wem Ehre gebührt“,

ARD, 20 Uhr 15

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