ARD-Fernsehprogramm : Chefredakteur kritisiert Dokumentationen

Wenige Monate vor seinem Ausscheiden hat ARD-Chefredakteur Hartmann von der Tann (62) heftige Kritik an Dokumentationen im Ersten Programm geübt.

Hamburg - In einem Schreiben an die Chefredakteure und Kulturchefs beklagt von der Tann unter anderem die rückläufige Akzeptanz der ARD-Dokumentationen am Montagabend. Hier gebe es ein Überangebot und das Bestreben einiger Sender, "Themen notfalls auch ein bisschen künstlich auf möglichst viele Folgen" zu strecken, um möglichst andauernd im Programm präsent zu sein.

In dem Brief, den die "Süddeutsche Zeitung" in ihrem Online- Auftritt dokumentiert, kündigt der ARD-Koordinator für Politik, Gesellschaft und Kultur eine Diskussion über das Thema bei der nächsten Chefredakteurs- und Kulturchefkonferenz am 13./14. März in Frankfurt an. Ein ARD-Sprecher sagte zu dem Schreiben am Montag auf Anfrage, zu internen Vorgängen äußere man sich nicht.

Nach Beobachtung von der Tanns, der seit 1993 ARD-Koordinator ist, werden für den Sendeplatz am Montag um 21 Uhr von der Konferenz der Chefredakteure und Kulturchefs mitunter auch "Projekte gegen jegliche Vernunft verabschiedet". Das hänge damit zusammen, "dass sich letztlich keiner für den Platz verantwortlich fühlt und so sieht er dann auch aus".

Zur Verbesserung schlägt von der Tann die Bildung einer "kleinen Redaktionsgruppe" vor, "die den Sendeplatz verantwortlich bespielt". Es sollten höchstens drei Personen sein, von denen mindestens zwei aus großen Sendeanstalten kommen müssten. Seine "fast utopische Anforderung" an diese Gruppe lautet: Sie soll sich "mehr dem Sendeplatz als den Interessen ihrer Häuser verpflichtet fühlen" und Fachleute, aber weder Chefredakteure noch Kulturchefs sein.

Generell mahnt der ARD-Chefredakteur "Qualität vor Quantität" an und kritisiert, dass "wir senden, was die Häuser liefern, anstatt herzustellen, was der Sendeplatz verlangt". Erst kürzlich habe es wieder einen Fall gegeben, wo "trotz endloser Vorbereitungszeit" bei einer Reihe der erste Teil "mit Mühe bis zur Pressekonferenz fertig war" und die Teile nach dem Datum ihrer Fertigstellung und nicht nach inhaltlichen Überlegungen programmiert werden mussten. "Solche unglaublichen und verantwortungslosen Schlampereien sollten dann nicht mehr vorkommen können."

Dass er sich offener als früher äußere, begründete von der Tann damit, dass "alte Männer nichts mehr zu verlieren" haben, und dass er "wirklich glaube, dass wir uns einen mindestens herzogschen Ruck geben müssen". Von der Tann geht Ende Juni in den Ruhestand; sein Nachfolger wird Thomas Baumann, der stellvertretende Leiter des ARD-Hauptstadtstudios in Berlin. (tso/dpa)

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