ARD-Film : Die Kaninchen im Garten

Komödie? Tragödie? Der ARD-Film "Jeder Mensch braucht ein Geheimnis" mit Hannelore Hoger kann sich nicht entscheiden.

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Auf einmal ist er weg. Wie vom Erdboden verschluckt. Urplötzlich. Er ging die Treppe runter in den Keller des Hauses, um für die Besucher des Familiensommerfestes Glaskrüge unters Wein-Faß zu stellen, sie voll laufen und – schließlich stehen zu lassen. Dann geht Helmut Lürzer (Dietmar Mues) aus dem Keller rüber in die Garage, und verschwindet. Oben warten sie alle, suchen ihn, sind ratlos. Der Ehemann und vierfache Vater ist einfach weg. Tage und Nächte gehen ins Land, an denen sich seine Frau, Luise Lürzer (Hannelore Hoger) fragt, was in aller Welt geschehen ist. Sich fragt, was sie falsch gemacht hat. Sich fragt, was denn nun überhaupt wird. Unruhe kommt in der Familie auf, die Grundfesten geraten ins Wanken, auch unter den vier erwachsenen Geschwistern.

Der österreichische Regisseur und Drehbuchautor Wolfram Paulus („Die Verzauberung“, 2007) begeht in seinen Filmen meist die nicht ganz ungefährliche Gratwanderung zwischen Komödie und Tragödie. Da kommt es schon mal vor, dass der Absturz droht. In seiner jüngsten Arbeit mit dem etwas zu prosaisch-pathetisch geratenen Titel „Jeder Mensch braucht ein Geheimnis“ beugen der Absturzgefahr zwar allein schon die beiden Hauptdarsteller Hannelore Hoger und Dietmar Mues vor. Was Paulus’ Dramödie aber so unausgegoren wirken lässt, dass ist seine Unentschlossenheit zwischen allzu leichtem Seichten und schwerem Tiefgang.

Irgendetwas dazwischen ist es, was seine Inszenierung ansteuert. Und genau dieses Dazwischen, das trifft er nur manches Mal. So verliert sich der rote Faden zuweilen, wenn die vier Kinder – drei Töchter, ein Sohn – und deren Schicksale angerissen werden, wenn etwa die aufstrebende Wiener Grünen-Politikerin mit dem Gemahl ihrer Schwester etwas hat, worauf es von der betrogenen Schwester eine Watsch’n setzt. Dichter wird es, wenn etwa Luise Lürzer abends den Schlafanzug ihres vermissten Mannes verheult umarmt, erst auf der Betthälfte neben sich ausbreitet, um dann hilflos darauf einzuschlagen.

Wenn sie nachts alpträumt, wie ihr Helmut sie mit Jüngeren betrügt, und dann manchmal einfach nur noch dasitzt, und nicht weiß, was ist. Da reicht der Schauspielerin Hannelore Hoger eine Geste, ein Blick. Diese Luise, sie war doch immer resolute Herrin im Hause des frühpensionierten Schuldirektors, sie, die oftmals immer noch meinte, der Helmut müsse noch raus, die Kaninchen im Garten füttern.

Sie hatte alles im Griff, jahrelang. Nun ist es ihr, ohne dass sie darauf vorbereitet war, völlig entglitten. Der Helmut ist in einem norditalienischen Ort, hat dort mit Caroline (Delia Mayer) eine jüngere aparte Geliebte, eine Sängerin, und geht endlich einer Beschäftigung nach, die er so sehr liebt: dem Tischlern. Und, er hat vor dem Herrgott geschworen, erst nach einem Jahr diesen Ort wieder zu verlassen. Wenn überhaupt. Wer weiß, wie lange er sich dies eigentlich schon ersehnt hat.

Wolfram Paulus beschreibt in „Jeder Mensch braucht ein Geheimnis“ den sukzessiven Zerfall eines porösen, familiären Geflechtes. Zwar geht es dann am Ende noch ganz gut aus, alle Beteiligten scheinen irgendwie besänftigt, doch dieser Kitt vermag angesichts der Verletzungen und Gräben, die zuvor beschrieben wurden, nicht von allzu langer Dauer sein.

„Jeder Mensch braucht ein Geheimnis“, ARD, 20 Uhr 15

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