ARD-Film "Nebenwege" : Wallfahrt ins Vergessen

Pilgern auf Bayerisch: Im ARD-Film „Nebenwege“ geht Christine Ostermayer als demenzkranke Oma auf eine bizarre Fahrt mit Sohn und Enkeltochter.

Nikolaus von Festenberg
Ein Moment der Glückseligkeit. Ohne Geld, Handy und Auto strandet Richard (Roeland Wiesnekker) im ARD-Film "Nebenwege" mit seiner demenzkranken Mutter Hilde (Christine Ostermayer) auf einem Volksfest.
Ein Moment der Glückseligkeit. Ohne Geld, Handy und Auto strandet Richard (Roeland Wiesnekker) im ARD-Film "Nebenwege" mit seiner...Foto: BR/Fabian Rösler

Sie hat Alzheimer, sie soll ins Heim, Sohn und Enkeltochter wollen sie abholen. Aber die verwirrte alte Dame hat einen inneren Kompass, den sie nicht vergisst: Sie will noch einmal zur schwarzen Madonna nach Altötting und mit der Gottesmutter reden. Die Verwandten können sie nicht aufhalten, sie müssen mit auf den Pilgerweg. Das bayerische Roadmovie „Nebenwege“, an diesem Mittwoch in der ARD, zeigt viel Lust an bizarrer Komik. Für den Zauber des Religiösen hat es aber leider keine Antenne.

Lästige Familienpflicht: Oma ins Altenheim bringen

Der geschiedene Münchner Architekt Richard Beller (Roeland Wiesnekker) und seine Tochter Marie (Lola Dockhorn) verbringen das Wochenende als einen Pflichttermin, wie ihn das Scheidungsrecht vorsieht. Eigentlich hat der Architekt keine Zeit, ein Geschäftsprojekt macht Ärger, das Handy steht nicht still. Die Tochter schmollt, ihren Geburtstag wird der Vater wohl vergessen, in Maries Augen hat er die Ehe mit seiner Untreue zerstört. Dann wartet da noch eine lästige Familienpflicht: die Großmutter Hilde (Christine Ostermayer) ins Altenheim bringen.

Niemand kommt bei diesen ersten Szenen des Muffs und Frusts auf die Idee, dass Oma, Sohn und Enkelin schon bald durch die buckelige Landschaft Niederbayerns stolpern werden hinter der störrisch-verrückten Großmutter her der Schwarzen Madonna von Altötting entgegen. Durch Tann und über Wiesenhügel – die Kamera (Fabian Rösler) macht hier wunderbare Scherenschnittbilder –, ohne Auto, von einem Lüstling bedroht, von der Polizei verfolgt, eine Geldbörse verloren – Wallfahrt als Wahnfahrt. So weit die Füße tragen.

„Nebenwege“ setzt auf bajuwarische Skurrilitäten

Autor und Regisseur Michael Amman, fernseherfahren durch die Arbeit für Soaps wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ und „Verbotene Liebe“, hat sich für „Nebenwege“, sein Spielfilmdebüt, ein äußerst begehbares Handlungsgehäuse geschaffen. Er schickt innere Lasten wie Krankheit, religiöse Rettungsfantasien und familiäre Schuldzuweisung in die Fläche und versucht, die leidenden Seelen sichtbar zu machen. Denn vergessenskrank ist nicht nur die Großmutter, sondern auch Vater und Tochter, die vor lauter Stress und Anschweigen dabei sind, sich selbst zu verlieren.

An die religiös angetriebene Kraft der Pilgerfahrt will Ammann nicht glauben. Sein Film hält nichts vom Marienkult. Nicht mal eine augenzwinkernde Toleranz gegenüber der Religion und dem Zauber ihrer Poesie bringt er zustande. So gibt es keinen inneren Faden, der den Film zusammenhält.

Manche Figuren erinnern eher an Daily-Soaps

„Nebenwege“ setzt auf bajuwarische Skurrilitäten. Manchmal gelingt das wie bei Ferdl (Tilo Prückner). Wie ein bocksbeiniger Nachfahre des letzten bayerischen Räubers Mathias Kneißl bringt Ferdl die derangierten Pilger in seiner Scheune unter, macht sich nach Zitherspiel und Brotzeit an die verwirrte Oma heran und kann nur mit Mühe von Vater und Enkelin vertrieben werden.

Andere Szenen von den Abenteuern unterwegs bringen es nicht auf die gleiche Fantasiehöhe. Böse Leute wie ein Kioskbesitzer, der die Notlage der hungrigen Wallfahrer nach dem Verlust des Portemonnaies nicht verstehen will und sein Gegenstück, ein guter Festwirt (Peter Rappenglück), der das Pilgertrio in seinem Festzelt freihält, entspringen eher dem Originalitätsniveau von Soapfiguren.

Allerdings: Was die Vorlage nicht hergibt, schafft Christine Ostermayer, die Darstellerin der Großmutter. Ihrer Schauspielkunst gelingt ohne sichtbare Verkrampfung eine Empathie erregende Mischung aus Schwäche und Härte. Ein altes, hilflos werdendes Mädchen ist da zu sehen, dem die Sicherheit wegbricht und das die Mutter im Himmel nicht aufgeben will. Nikolaus von Festenberg

„Nebenwege – Pilgern auf Bayrisch“, ARD, Mittwoch, 20 Uhr 15

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