ARD-Film : Vor die Hunde und zurück

In „Rosannas Tochter“ spielt Veronica Ferres eine Ehefrau, die hochzufrieden ist - bis sie sich um ein fremdes Kind kümmern muss, ihr geordnetes Leben gerät ins Schwanken. Doch was ein Horrorfilm sein könnte, endet im Sozialkitsch.

Was soll werden? Aimée (Mathilde Bundschuh) ist nach dem Unfalltod ihrer Mutter äußerlich unverletzt, aber schwer traumatisiert – und für ihre Umwelt ein Rätsel. Foto: ARD
Was soll werden? Aimée (Mathilde Bundschuh) ist nach dem Unfalltod ihrer Mutter äußerlich unverletzt, aber schwer traumatisiert –...Foto: ARD Degeto/Daniel Flaschar

Ein rührend zartes, junges und unglückliches Mädchen, das nach dem Unfalltod seiner Mutter – der „Rosanna“ des Titels – vom Exfreund dieser Mutter und dessen Frau zu Hause aufgenommen wird, vorübergehend, bis sich die Folgen des Schocks gelegt haben, entpuppt sich als eine gefährliche Teufelin, die planmäßig Zwietracht sät, den Mann umgarnt und das Paar gegeneinander aufbringt. Dabei gemahnt sie die erschrockenen Eheleute durch ihre Symptome wie Aphasie (Unfähigkeit zu sprechen) und durch parasuizidales Verhalten, dass es sich bei ihr schließlich um ein traumatisiertes Opfer handelt, das niemand auf der Welt mehr hat und dem man deshalb mit Verständnis und Verzeihung begegnen muss. Das Ehepaar sitzt in der Falle. Es kann das Mädchen nicht rausschmeißen, das wäre grausam. Es kann aber auch nicht alles so weiterlaufen lassen, sonst geht es selbst, respektive die Ehe vor die Hunde.

Von der Anlage her hätten wir hier die Zutaten zu einem Horrorfilm, der ja oft zugleich ein Psychodrama ist. Einer der berühmtesten und schönsten Horrorfilme ist Alfred Hitchcocks „Die Vögel“. Der Trick ist einfach. Wesen, die als Fluchttiere bekannt sind und in die Lüfte verschwinden, wenn man ihnen zu nahe kommt, ändern plötzlich ihr Verhalten und stürzen sich angriffslustig auf friedliche Menschen. Analog hätte „Rosannas Tochter“ funktionieren können. Ein liebliches Mädchen, sanft und zärtlich von der Ausstrahlung her und nun noch eines schmerzhaften Verlustes wegen schutz- und trostbedürftig, verwandelt sich in einen Dämon. Die Normalos um das Kind herum verstehen erst die Welt nicht mehr und lecken dann nur noch ihre Wunden.

Die Konstellation birgt Potenzial. Leider verspielen die Macher (Regie: Franziska Buch, Buch: Christian Jeltsch, nach einem Roman von Amelie Fried) deren Möglichkeiten, indem sie dem Publikum, das ja doch Augen im Kopf hat und sieht, was los ist, alles und jedes rauf- und runtererklären. Die bis dato hochzufriedene Ehefrau Nela (Veronica Ferres) darf nicht nur einfach eine Forscherin sein, deren Welt plötzlich auf dem Kopf steht, nein, sie muss Primatenforscherin sein, auf Affen abfahren, damit das Publikum versteht, dass sie sich nie ein Kind gewünscht hat (die Affen genügen ihr) und deshalb durch die Präsenz eines problematischen Teenagers (Mathilde Bundschuh) in ihrem Haushalt gleich doppelt überfordert ist. Ihr Mann Josch (Fritz Karl), der als Anwalt Asylanten hilft, war ebenfalls mit seinem Gutmenschentum ausgefüllt, bevor die junge Aimée, die er als Ex ihrer Mutter gut kannte, sein Leben verwüstete. Diese erklärenden Seitenstränge, in denen der Film schließlich stecken bleibt, weil er kein Horrorfilm sein will, obwohl seine Exposition ihm kaum eine Wahl gelassen hätte, strangulieren die ganze Angelegenheit mit ehetherapeutischen Disputen – bis schließlich wieder Harmonie einkehrt. Man denkt: Da hat sich ein unartiges Mädchen in ein nettes Haus zu freundlichen Menschen eingeschlichen, und es bringt diese Menschen dazu, ein ums andre Mal aus Wut mit Händen und Unterarmen Gläser, Tassen und was sonst noch so auf Tischen herumsteht, beiseite zu fegen, bis sich am Ende alles in Wohlgefallen auflöst. Zurück auf Anfang. Und dafür macht man einen ganzen Film?

Das Schöne am Horrorfilm ist, dass er den normalen Realismus suspendiert und sich dabei sogar einen unterschwelligen Humor leisten kann. Die „dunkle Seite“ von Mensch und Tier wird genremäßig in genüsslichen Schrecken verwandelt. „Rosannas Tochter“ macht aus dem Dämon einen Sozialfall und nimmt am Ende, Entschuldigungen murmelnd, alles wieder zurück. Am Anfang schreibt Aimée in ihr Tagebuch: „Ich hasse Nela.“ Als die von einer Reise zurückkehrt, liegt das Früchtchen bei Josch im Bett – die Kleine hatte Albträume. Ein paar Sachen werden jetzt erst mal von den Tischen gefegt. Bald darauf lässt Aimée Nela wissen: „Ich hasse dich nicht.“ Na also. Räumen wir jetzt mal den Fußboden auf.

„Rosannas Tochter“, 20 Uhr 15, ARD

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