ARD-Interview mit Altkanzler : Helmut Kohl unplugged

Listig, stur, gefühlvoll, bös: Die ARD bringt das Interview mit Ex-Kanzler Helmut Kohl von 2003 in zwei Teilen.

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Da geht’s lang. Helmut Kohl 2003 mit den Autoren Stephan Lamby (Mitte) und Michael Rutz. Der erste Interview-Teil dreht sich um „Aufstieg und Macht“. Foto: NDR
Da geht’s lang. Helmut Kohl 2003 mit den Autoren Stephan Lamby (Mitte) und Michael Rutz. Der erste Interview-Teil dreht sich um...Foto: NDR/ECO Media

„Die Bremer Stadtmusikanten sind nach Hause gegangen, und es war vorbei.“ Der alte Mann schmunzelt noch im Nachhinein sardonisch vor sich hin bei dem Gedanken daran, wie er die Putschisten ausmanövriert hat. Helmut Kohls abschätzige Sammelbezeichnung ist nicht neu für die Truppe, die ihn beim Parteitag 1989 stürzen wollte. Aber der märchenhafte Anklang passt ganz gut zu dem, was die ARD dem Altkanzler zum 85. Geburtstag vorab schenkt. Im Jahr 2003 hat Kohl den Journalisten Stephan Lamby und Michael Rutz vier Tage lang sein Leben erzählt. Ab Dienstag ist das Material in zwei Fernsehnächten und im Internet öffentlich. Wer auf Enthüllungen hofft, kann sich die Zeit sparen. Alle anderen erwartet eine einzigartige Geschichts- und Geschichtenstunde.

Wieso sie ihren Schatz gut ein Jahrzehnt lang gehütet und nur ausschnittweise für eigene Produktionen genutzt haben, können Lamby und Rutz übrigens selbst nicht richtig erklären. Geschadet hat das lange Abliegen dem Material nicht, ist es doch erst im Nachhinein zum letzten großen Auftritt geworden. Seit seinem schweren Unfall 2008 kann der halb Gelähmte kaum noch sprechen.

2003 konnte er, und wie! Seit vier Jahren abgewählt, die Spendenaffäre frisch in Erinnerung, sitzt Kohl im Haus in Oggersheim vor der Bücherwand, der Ikonensammlung und dem Foto der verstorbenen Frau Hannelore. Er erzählt sein Leben, wie er es sah. So hatte er das abgemacht mit den Journalisten – Helmut Kohl unplugged.

Zum Glück taugt er so gar nicht zum Schauspieler. Das dampft und zischt und spöttelt wie zu besten Zeiten, kaum abgemildert durch leise Anflüge von Elder Statesmanship. Noch einmal steht die alte Republik auf, seine Welt aus Richtig und Falsch, Freund und Feind, sauber aufgeteilt bis hin zu den Verrätern.

"Das Thema ist für mich beendet"

„Rita Süssmuth, die ja alles, was sie geworden ist, durch mich geworden ist ...“ Richard von Weizsäcker: „Er hätte ja den Mund halten können.“ Heiner Geißler, der aus der CDU „so ’ne schwarze Sozialdemokratie“ machen wolle. Aber alle nichts im Vergleich zu Norbert Blüm. Der hat ihm damals in der Spendenaffäre die Gefolgschaft gekündigt. Da wird Helmut Kohl eisig. „Das Thema ist für mich beendet.“

Das ist der eine Kohl. Aber der Machtmensch ist nicht zu verstehen ohne den anderen, den empfindlichen, empfindsamen. Dass Dankbarkeit keine politische Kategorie sei, dieser Satz Weizsäckers macht ihn ratlos: „Wieso soll ich eigentlich einem nicht Freundschaft erweisen?“ Wäre die deutsche Einheit denn möglich gewesen ohne Freundschaft zum Franzosen François Mitterrand, über allen harten Sachstreit hinweg? Und was, wenn Michail Gorbatschow ihm nicht geglaubt hätte in der Nacht, als versehentlich die Mauer fiel und der sowjetische Staatschef anrufen ließ, ob seine Soldaten in Gefahr seien? Kohl hat ihn beruhigt. „Der KGB hat ihm gesagt, er muss die Panzer rauslassen. Und das hat er dann nicht gemacht.“

So lapidar kann Geschichte sein. Oder so leidenschaftlich wie in den Tagen, als er den Euro durchgeboxt hat gegen – da war er sicher – sogar das eigene Volk. Der Euro, „die eigentliche Gründungsurkunde für das Haus Europa“ – er kommt ins Schwärmen und ins Spotten über alle, die vor einer „miserablen Währung“ gewarnt hatten, bei der am Ende noch die Italiener mitmachen dürften „und die Griechen dabei sind!“ Er wusste 2003 nicht, was da noch kommen würde.

Aber das war sowieso nicht mehr seine Republik. Von der erzählt Helmut Kohl in prallen Geschichten wie der von den „Stadtmusikanten“, die nicht ahnten, dass genau zum Bremer Parteitag Ungarn die Grenze für DDR-Bürger öffnen und die Weltgeschichte ihren Putsch einfach wegschwemmen würde. Alte Geschichten sind das, gewiss. Aber der Mann hat dieses Land 16 Jahre lang genau so regiert, listig und stur, gefühlvoll und bös, kleinlich und klug. Allein für das Staunen darüber lohnt es wachzubleiben.

„Helmut Kohl – Das Interview, ARD, Dienstag und Mittwoch, jeweils 0 Uhr 20. Der volle Wortlaut im Internet unter www.dbate.de.

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