ARD : Jüdischer Traum, arabisches Trauma

Das Erste blickt zurück auf 1948 und taucht tief in die Vergangenheit ein. Der Film benennt auch das heute noch gravierendste Problem: Die Frage, ob die palästinensischen Flüchtlinge zurückkehren dürfen.

Eckart Lottmann

Was Politik taugt, lässt sich an den Menschen ablesen. Ob es ihnen gelingt, in Frieden zu leben, zu arbeiten, eine Familie aufzubauen. Gabriela Hermer hat sich bei ihrem Film über die Schwierigkeiten bei der Gründung des Staates Israel nicht nur auf historisches Filmmaterial verlassen, sondern auch einige Juden und Araber aus jener Zeit ins Bild gerückt. Wie haben sie die Zeit damals erlebt, wie leben sie heute? Politische Entwicklungen mit persönlichen Schicksalen zu verbinden, ist nicht gerade einfach, doch Hermer gelingt das Kunststück.

Danny Angel, Jahrgang 1919, hat als Kind viel mit arabischen Kindern gespielt, heute gehört ihm eine der größten Bäckereien Israels, mit einer gemischt jüdisch-arabischen Belegschaft. Fast ungläubig nehmen wir diese friedliche Zusammenarbeit zur Kenntnis. Simon Baumann, 1925 in Berlin geboren, kam 1939 mit einem der letzten Kindertransporte nach Palästina. Jahre später kämpfte er im Zweiten Weltkrieg gegen die Deutschen. Die Polin Esther Eisen überlebte eines der Konzentrationslager der Nazis und fand in Israel eine neue Heimat. Ihr Mann Jakob allerdings fiel schon in den ersten Kämpfen nach der Gründung Israels. In einem palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon lebt heute noch Saada Suleiman, wie ihre Nachkommen bis heute staatenlos. Sie alle haben nahe Angehörige verloren, in den verschiedensten Kriegen seit Israels Streben nach Unabhängigkeit.

Der Film hält die schwierige Balance zwischen Schicksalen und politischen Ereignissen. Erstaunlich, was in diesem Film alles vorkommt: Die britische Mandatsmacht mit ihren Versprechen, Juden und Palästinensern eigene Staaten zu ermöglichen, der Rückzug der Briten, die Massaker an Zivilisten, die auch von Juden verübt wurden. Der feierliche Moment der Staatsgründung, der erste Krieg, das moderne Tel Aviv – manchmal ist das fast atemlos kommentiert, etwas ruhelos geschnitten. Wenn die Zeitzeugen erzählen, möchte man manchmal länger zuhören, mehr erfahren von ihrer Geschichte - ein Problem der Reduktion einer so facettenreichen Geschichte.

So tief der Film auch in die Vergangenheit eintaucht, er benennt auch das heute noch gravierendste Problem: Die Frage, ob die palästinensischen Flüchtlinge zurückkehren dürfen. Saada Suleiman weiß, dass sie bei den arabischen Nachbarn nicht willkommen waren, nie integriert wurden, bei aller offiziell erklärten Solidarität: Die Israelis haben Angst, so viele Palästinenser wieder ins Land zu lassen, Angst, sich wieder auf das ursprüngliche, sehr schmale Staatsgebiet zurückzuziehen.

Eine Lösung des Konflikts kann Gabriela Hermer nicht andeuten. Sie macht Fernsehen, das heißt: sie berichtet von Menschen. Der israelisch-arabische Konflikt lässt sich auf Fehlentscheidungen in der Vergangenheit zurückführen, an ihnen waren Briten, Franzosen und andere Länder beteiligt. Das zu sagen, ist Gabriela Hermer wichtig. Und genauso wichtig sind ihr die Menschen, die davon betroffen werden. Eckart Lottmann

„1948 - Jüdischer Traum, arabisches Trauma“; ARD, 23 Uhr 30

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