• ARD-Krimi: Der Bremer „Tatort“ entdeckt eine kriminelle Parallelgesellschaft in Orange

ARD-Krimi : Der Bremer „Tatort“ entdeckt eine kriminelle Parallelgesellschaft in Orange

Die Bremer „Tatort“-Kommissare Inga Lürsen und Stedefreund müssen den Mord an einem Müllmann aufklären. Ein temporeicher Krimi zu einem außergewöhnlichen Thema.

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Eingeschworene Gemeinschaft.
Eingeschworene Gemeinschaft.Foto: Radio Bremen

Sie leben in ihrer eigenen Welt. Sie haben ihre eigene kleine Straße, die Abende verbringen sie mit ihren etwas zu schrill gekleideten Frauen bei Grillwürstchen und Bier, ihr Bewährungshelfer wird von allen nur kurz „Papa“ genannt und hat sein Büro in einem asiatischen Restaurant aufgeschlagen. Die Müllmänner im „Tatort“ aus Bremen verbindet nicht nur ihre leuchtend-orangene Arbeitskleidung und ihre Tattoos, sondern vor allem die Tatsache, dass sie alle Ex-Knackis sind.

Die „Tatort“-Kommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) müssen an diesem Sonntag den Mord an einem dieser Müllmänner aufklären. Der schwer verletzte Maik Decker hatte noch versucht, mit seinem Müllwagen das Firmengelände zu erreichen. Doch die Stichverletzungen waren zu tief. Das Müllfahrzeug kam von der Fahrbahn ab, Decker erlag seinen Verletzungen.

Seine Kollegen geben sich anfangs unbeeindruckt von Deckers plötzlichem Tod. Doch die Müllmänner bilden eine verschworene Gemeinschaft. Bei der Hälfte der Mitarbeiter des Entsorgers handelt es sich um ehemalige Gefängnisinsassen, die hier nach ihrer Entlassung ein Auskommen gefunden haben. Mehr als das: Ihr Arbeitgeber will für sie das „Bremer Modell“ einführen, mitsamt Kinderbetreuung, Dienstwagen und einer auskömmlichen Zusatzrente. Die Mordermittlungen stören da nur die Verhandlungen.

Verständnis für die Straftäter

Das Drehbuch zur Folge „Alle meine Jungs“ stammt von den drei Autoren Erol Yesilkaya, Boris Dennulat und Matthias Tuchmann. Ihr Krimi lässt viel Verständnis für die ehemaligen Straftäter erkennen. „Ex-Knackis sollen auch eher aus den Augen – so wie der Müll. Was aber, wenn sich diese Leute selbst resozialisieren, mit Stolz, Würde, Witz und Selbstbewusstsein“, erzählt Dennulat von den Überlegungen der Autoren. Doch genauso, wie in dem Film auf den erhobenen Zeigefinger verzichtet wird, sind die Autoren nicht der Versuchung erlegen, den Zusammenhalt in dieser Parallelgesellschaft zu romantisieren. So wie jede andere Organisation mit mafiaähnlichen Strukturen kommt auch diese nicht ohne Gewalt aus. Die coolen Müllmänner sind alles andere als nett, wenn einer von ihnen gegen die Regeln verstößt.

Mit der Abspaltung gesellschaftlicher Gruppen hat sich Regisseur Florian Baxmeyer bereits im vorherigen, sehr guten „Tatort“ aus Bremen beschäftigt. In der Folge „Brüder“ im Februar ging es um einen türkisch-libanesisch Familienclan, der sich auf Drogenverkauf, Prostitution und Waffenhandel spezialisiert hat. Mit 10,2 Millionen Zuschauern war diese Folge die erfolgreichste für Radio Bremen. Der Krimi handelte allerdings auch vor einem realen Hintergrund. Die Bremer Polizei kämpft seit langem gegen einen türkischstämmigen Clan aus 30 Großfamilien und 2600 Mitgliedern. Auf eine solche reale Vorlage kann sich der aktuelle Bremer „Tatort“ nicht stützen – was sich aber nicht nachteilig auswirkt. Die ARD-Krimireihe hat gar nicht den Anspruch, ein dokumentarisches Format zu sein. Wenn Realität und Fiktion sich berühren, kann dies zwar wie bei der Folge „Brüder“ eine gesellschaftliche Debatte befördern. Die wichtigste Aufgabe des Sonntagabend-Krimis aber ist die Unterhaltung des TV-Publikums. Die aktuelle Folge ist ein temporeicher Krimi zu einem außergewöhnlichen Thema, serviert mit einem Soundtrack wie aus einem Tarantino-Film.

Zwischen dem eigenwilligen, aber durchaus sympathischen Bewährungshelfer Uwe Frank (Roeland Wiesnekker) und Kommissarin Lürsen kommt es dabei zu einem spannenden Kräftemessen. Die Polizisten stehen zudem vor vielen ungeklärten Fragen: Warum musste Maik Decker sterben? Wohin hat sich sein Freund Sascha (Jacob Matschenz) verdrückt? Es ist wie die Suche nach der Nadel im Müllhaufen, stellen die Ermittler fest. Auch sonst haben es sich die drei Drehbuchautoren nicht nehmen lassen, die sich bei dem Thema Müll aufdrängenden Wortschöpfungen einzubauen. Das Müllieu fehlt ebenso wenig wie das Müllionengeschäft mit dem Abfall.

„Tatort: Alle meine Jungs“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

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